Grasse riecht nach allem
Sechs Monate lang hatte Mira in einer Welt aus Watte gelebt. Kein Kaffee am Morgen, kein Regen auf heißem Asphalt, nicht der eigene Körper nach dem Laufen — nichts. Die Ärzte hatten von einer Anosmie nach dem Infekt gesprochen, von Geduld, von vielleicht und vielleicht auch nicht. Und dann, an einem Dienstag im März, war es zurückgekommen wie ein Ton, der plötzlich wieder klingt: erst eine Ahnung von Orangenschale, dann die ganze laute, üppige Welt.
Jetzt stand sie in Grasse, und die Stadt roch nach allem auf einmal. Jasmin aus den Gärten unterhalb der Altstadt, warmer Stein, irgendwo geschnittenes Gras, der grüne, fast bittere Hauch von Feigenblättern. Mira blieb auf der Gasse stehen und atmete, als müsse sie nachholen, was sie ein halbes Jahr versäumt hatte. Sie hatte nicht gewusst, dass man weinen konnte vor lauter Riechen.
Das Atelier von Hélène Vasseur lag hinter einer ausgeblichenen blauen Tür, am Ende eines Hofs voller Lavendel in Tontöpfen. Mira hatte drei Bewerbungen geschrieben, bevor diese eine angenommen worden war. Nez, nannte man Frauen wie Hélène — Nase. Eine der letzten, die noch von Hand komponierte, ohne Software, ohne Marktforschung. Mira drückte die Klinke und trat in einen Raum, in dem die Luft selbst eine Substanz zu sein schien.
Die Parfüm-Orgel
Sie hatte Bilder gesehen, aber nichts hatte sie auf das Möbel vorbereitet. Die Parfüm-Orgel zog sich in einem Halbrund vor dem hohen Fenster auf, Reihe über Reihe abgestufter Regale, und auf jedem standen die kleinen bernsteinfarbenen Fläschchen, hunderte, jedes mit einem handgeschriebenen Etikett. Es sah aus wie ein Instrument, und genau das war es.
„Du bist Mira.” Hélène kam nicht auf sie zu, sie ließ Mira zu sich kommen. Sie war Ende fünfzig vielleicht, mit grau durchzogenem Haar, das sie offen trug, und mit Händen, die Mira sofort bemerkte — schmal, ruhig, präzise. „Setz dich. Nicht reden. Erst riechen.”
Mira gehorchte, ohne zu überlegen. Es lag etwas in der Stimme, das keinen Widerspruch suchte und keinen brauchte, eine Wärme, die zugleich Anweisung war.
Hélène nahm einen schmalen Streifen Papier aus einem Becher, tauchte ihn in eines der Fläschchen und hielt ihn Mira hin, nicht in die Hand, sondern vor das Gesicht. „Nicht ziehen”, sagte sie leise. „Nicht gierig. Lass es zu dir kommen. Atme flach, dann tief. Was ist da?”
Bergamotte. Mira wusste es, bevor sie das Wort fand — dieses Helle, Schälige, das fast zu prickeln schien. „Zitrus”, flüsterte sie. „Aber grüner. Bitterer als Zitrone.”
„Bergamotte.” Hélène lächelte, und es war das erste Lob, und Mira spürte, wie es irgendwo unter ihrem Brustbein landete und sich ausbreitete. „Gut. Sehr gut sogar. Die meisten sagen einfach Parfüm und sind zufrieden. Du hörst hin.” Sie legte den Streifen beiseite. „Das ist eine Kopfnote. Das Erste, was du riechst, das Erste, was vergeht. Sie macht das Versprechen. Was bleibt, ist etwas anderes.”
Mira nickte. Ihr Herz ging zu schnell, und sie wusste nicht, ob es am Duft lag oder daran, wie nah Hélène saß, wie selbstverständlich sie Miras Raum betrat, als gäbe es zwischen ihnen keine Grenze, die man erst hätte aushandeln müssen.
Kopfnote, Herznote
Sie arbeiteten so über eine Stunde, und mit jedem Streifen verschob sich etwas in Mira. Hélène reichte ihr keine Theorie; sie reichte ihr Empfindung. Neroli — und Mira dachte an heiße Haut im Sommer. Iris, pudrig und kühl, und sie sah einen Halsansatz vor sich, ohne zu wissen, wessen. Eichenmoos, dunkel und feucht, das ihr einen Schauer über die Wirbelsäule schickte.
Sie hatte nicht erwartet, dass Riechen so körperlich sein würde. Sechs Monate ohne hatte sie vergessen lassen, dass ein Duft nicht im Kopf passiert, sondern tiefer, unterhalb der Sprache, dort, wo der Körper über Begehren entscheidet, lange bevor der Verstand mitredet. Jede Note öffnete eine Tür, hinter der etwas wartete, das Mira sich nie erlaubt hatte zu wollen.
„Du verspannst die Schultern”, sagte Hélène. „Riechen ist kein Kampf.” Und dann tat sie etwas, das den Raum kippte: Sie nahm Miras Hand. Nicht heftig — sie legte ihre Finger über Miras Finger, führte die Hand mit dem nächsten Streifen langsam zum Gesicht, gab das Tempo vor. „So. Langsamer. Du hast es eilig, in den Duft zu kommen, und verpasst den Weg. Das Beste ist der Weg.”
Miras Atem stockte. Hélènes Hand war trocken und warm und vollkommen ruhig, und durch diese Ruhe hindurch fühlte Mira ihren eigenen Puls, der nichts Ruhiges hatte. Es war eine winzige Geste, harmlos für jeden, der zugesehen hätte. Für Mira war es, als hätte jemand ein Fenster aufgestoßen in einem Zimmer, das sie für zugemauert gehalten hatte.
„Was riechst du?” Hélènes Stimme war jetzt näher, leiser, dicht an Miras Ohr.
„Rose.” Mira musste schlucken. „Aber nicht süß. Fast… fleischig.”
„Ja.” Ein Hauch von einem Lachen. „Genau das. Du traust dich, das hässliche Wort zu sagen, und deshalb riechst du es richtig. Eine Rose, die nur schön ist, ist gelogen. Das hier ist eine Herznote — sie kommt, wenn die Kopfnote sich verzogen hat. Sie ist das, was man meint, wenn man jemanden vermisst.” Sie ließ Miras Hand nicht los. „Du hast eine gute Nase, Mira. Du hast etwas Selteneres als eine gute Nase. Du hast keine Angst vor dem, was du riechst.”
Das Lob legte sich über Mira wie eine zweite Haut. Sie hatte ihr Leben lang die Vorsichtige gespielt, die Vernünftige, die, die nichts zu sehr wollte, damit sie nichts zu sehr verlieren konnte. Vanilla, hätte ihre beste Freundin gesagt, mit diesem Achselzucken — ein braves, geradliniges, vorhersehbares Leben, in dem nie etwas auf dem Spiel stand. Mira hatte nie widersprochen. Jetzt, mit Hélènes Wärme an ihrer Hand, fühlte sich dieses ganze vorsichtige Leben an wie etwas, das sie auf einem Bahnsteig hatte stehen lassen.
Ein Streifen Vanille
„Eins noch”, sagte Hélène, und es war später Nachmittag geworden, das Licht im Fenster honigfarben. „Die Basis. Was bleibt, wenn alles andere gegangen ist.” Sie tauchte einen letzten Streifen, länger als die anderen, und das Fläschchen, aus dem sie es nahm, trug ein Etikett, das Mira nicht lesen konnte. „Riech. Aber diesmal sag mir nicht, was es ist. Sag mir, woran es dich erinnert.”
Mira führte den Streifen zum Gesicht — langsam diesmal, den Weg auskostend, wie es ihr beigebracht worden war. Vanille. Aber nicht die Vanille aus dem Backregal, nicht das Eindimensionale, Zuckrige. Das hier war warm und dunkel und ein bisschen rauchig, etwas, das nach Haut roch und nach Bettlaken am späten Morgen, nach einem Körper, der die ganze Nacht warm gewesen war. Es zog an einer Stelle in ihr, die mit dem Riechen wenig und mit dem Wollen alles zu tun hatte.
„An…”, begann Mira und stockte. Die Wahrheit war zu nah, um sie laut zu sagen.
„Sag es.” Hélène hatte sich vorgebeugt, um selbst an dem Streifen zu riechen, den Mira hielt, und dabei waren sie sich näher gekommen, als Mira gemerkt hatte. „Hier wird nicht gelogen. Nicht über Düfte.” Eine Pause. „Und über anderes auch nicht, wenn beide es wollen.”
Es war beinahe so, als spräche sie von einem Konsens, von etwas, das man aussprechen musste, damit es gelten durfte — eine Tür, die sich nur öffnete, wenn beide die Hand auf die Klinke legten. Mira hob den Blick. Hélènes Gesicht war eine Handbreit entfernt, vielleicht weniger. Sie atmete denselben warmen Vanilleatem, denselben Hauch, den der Streifen zwischen ihnen in die Luft gab. Ihre Augen waren ruhig, fragend, ganz und gar nicht ruhig.
Und keine von beiden wich zurück.
Mira spürte den eigenen Atem flach werden und dann ganz stehenbleiben, eine Sekunde, die sich dehnte, als hätte jemand die Zeit in die Länge gezogen wie Hélène vorhin ihre Hand — dieses Hinauszögern, das Edging an der Schwelle, bei dem das Nicht-Geschehen unerträglicher wurde als jede Berührung es hätte sein können. Sie dachte flüchtig an die alten Bilder vom Atem, vom Tantra, vom Hauch, der zwischen zwei Menschen zur Substanz wird — und dann dachte sie gar nichts mehr. Der Streifen in ihrer Hand zitterte kaum merklich. Hélènes Lippen öffneten sich einen Spalt, nicht zum Sprechen.
Irgendwo im Hof fiel die blaue Tür ins Schloss, Schritte auf dem Kies, eine helle Stimme, die nach Hélène rief.
Und der Moment, der gerade hatte kippen wollen, hing zwischen ihnen in der Luft — wie eine Note, die angeschlagen ist und noch nicht verklungen, und von der keine der beiden wusste, ob sie je wieder so rein erklingen würde.