Bergamotte und Nerven
Die Türglocke war nicht laut, eher ein einzelner heller Ton, der sofort wieder verschluckt wurde — von all dem, was in diesem schmalen Raum nach etwas roch. Lou blieb auf der Schwelle stehen, eine Hand noch an der kühlen Klinke, und atmete ein, bevor sie überhaupt einen Schritt machte. Es war, als ginge man in ein Gewächshaus, nur dass hier keine Pflanzen wuchsen, sondern Flaschen. Hunderte kleine Glasfläschchen auf dunklen Walnussregalen, manche bernsteinfarben, manche klar, und über allem dieser warme, vielschichtige Dunst, den sie nicht in Worte fassen konnte. Zitrus zuerst. Dann etwas Holziges, Rauchiges darunter, das blieb.
„Du darfst ruhig reinkommen”, sagte eine Stimme. „Die Düfte beißen nicht.”
Lou hatte die Frau hinter dem Tresen erst gar nicht wahrgenommen, so still hatte sie dort gestanden. Mitte dreißig vielleicht, dunkles Haar streng zurückgebunden, ein weißer Laborkittel über einem schlichten Shirt, die Ärmel hochgekrempelt. Sie hatte einen schmalen Papierstreifen zwischen zwei Fingern und wedelte ihn langsam durch die Luft, als dirigiere sie etwas, das nur sie hören konnte.
„Ich — ja.” Lou ließ die Tür hinter sich zufallen. Sechsundzwanzig Jahre alt und plötzlich fühlte sie sich, als hätte man sie in einen Raum geschoben, dessen Sprache sie nicht sprach. „Ich suche ein Parfum. Für — also, ich hab am Wochenende ein Date. Und ich wollte mal etwas Anderes als immer dasselbe.”
„Ein Date.” Die Frau lächelte, legte den Streifen auf die Marmorplatte. „Dann ist die Frage nicht, was du riechen willst. Sondern wer dich riechen soll.” Sie kam um den Tresen herum, streckte die Hand aus. „Romy. Das hier ist mein Atelier. Sillage.”
„Lou.” Ihre Hand war warm und trocken und hielt einen Moment länger, als nötig gewesen wäre. „Sillage — was heißt das?”
„Die Spur, die ein Duft hinterlässt, wenn der Mensch schon weg ist.” Romy musterte sie, nicht aufdringlich, aber gründlich, so wie man eine Zutat prüft. „Manche Leute riecht man noch, wenn sie längst um die Ecke sind. Das ist Sillage.”
Lou spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg, und wusste nicht, warum. Es war nur ein Wort gewesen.
Was deine Haut daraus macht
Romy stellte keine Fragen über den Mann. Sie fragte stattdessen, ob Lou abends gern Fenster offen habe, ob sie lieber heißen Tee oder kalten trinke, ob sie sich nach Regen sehne oder ihn fürchte. „Ein Parfum ist kein Etikett”, sagte sie, während sie ein erstes Fläschchen entkorkte. „Es ist eine Reaktion. Dein Körper, deine Wärme, dein pH — die machen aus demselben Tropfen bei dir etwas völlig anderes als bei mir.”
Sie tauchte einen frischen Streifen ein, fächelte ihn an, hielt ihn Lou vor das Gesicht. „Das ist nur die Kopfnote. Das Erste, was du wahrnimmst. Frech, hell, vergänglich — in zehn Minuten ist sie weg.” Bergamotte, sagte sie, und etwas Grünes, fast wie zerriebene Blätter. „Aber sie ist nicht das, woran man sich erinnert. Sie ist nur das Versprechen.”
„Und woran erinnert man sich?”, fragte Lou.
„An das, was bleibt, wenn die Aufregung verflogen ist.” Romy sah sie an, und in ihren Augen lag etwas, das Lou nicht zu deuten wusste. „Komm mal her. An Papier riecht man nichts Echtes.”
Sie führte Lous Handgelenk an die eigenen Lippen — nicht küssend, nur hauchend —, drehte es, sprühte einen winzigen Nebel auf die zarte Innenseite, dort, wo die Adern blau durchschimmerten. „Nicht reiben”, sagte sie leise. „Das bricht die Moleküle. Lass es einfach warm werden.”
Lou hielt das Handgelenk an die Nase, und tatsächlich — es roch anders als der Streifen. Runder. Wärmer. Privater. Als hätte der Duft etwas von ihr gelernt.
„Spürst du das?”, murmelte Romy. Sie stand jetzt sehr nah, näher als ein Verkaufsgespräch es verlangte, und Lou roch nicht mehr nur das Parfum. Sie roch Romy selbst — etwas Sauberes, Hautwarmes, ein Hauch Zedernholz, der nicht aus einer Flasche kam. „Das ist nicht mehr der Duft. Das bist du. Was deine Haut daraus macht.”
Lou hätte einen Schritt zurücktreten können. Sie tat es nicht. Sie merkte, wie ihr Atem flacher ging, wie ihr Blick an Romys Mund hängen blieb, an der kleinen Bewegung der Lippen, und dachte mit einer Klarheit, die sie erschreckte: Ich bin wegen eines Mannes hier und kann nicht aufhören, eine Frau anzusehen.
„Romy”, sagte sie, und ihre Stimme war nicht so fest, wie sie es geplant hatte.
„Ich weiß.” Romy trat keinen Zentimeter zurück, aber sie machte auch nichts. Sie wartete. „Ich gehe nicht davon aus, dass du das willst. Ich frage. Das ist ein Unterschied.” Ein halbes Lächeln. „Willst du, dass ich aufhöre, dir so nah zu sein?”
Es war eine ehrliche Frage, keine rhetorische. Lou hätte nein sagen können, und Romy hätte zwei Schritt Abstand genommen und ihr ein Parfum für den Mann verkauft, und das wäre das Ende gewesen.
„Nein”, flüsterte Lou. „Hör nicht auf.”
Langsam
Romy schloss die Tür ab — drehte das kleine Schild auf geschlossen, und das Klicken des Riegels war lauter als alles andere. „Wenn irgendwann etwas ist, das du nicht willst”, sagte sie, während sie zurückkam, „sagst du einfach halt. Kein langes Erklären. Ein Wort genügt.” Sie strich Lou eine Haarsträhne hinters Ohr. „Das ist dein Safeword. Es ist keine Schwäche, es zu benutzen. Es ist das, was das hier sicher macht. Verstehst du?”
Lou nickte. Allein dass jemand das aussprach — dass jemand ihren Konsens nicht voraussetzte, sondern ihn wie etwas Kostbares behandelte —, ließ etwas in ihr nachgeben, das sie sonst immer angespannt hielt.
„Ich hab das noch nie”, sagte sie schnell, fast entschuldigend. „Mit einer Frau, meine ich. Ich weiß nicht, ob ich —”
„Du musst gar nichts wissen.” Romy nahm ihr Gesicht in beide Hände, und ihre Daumen strichen über Lous Wangenknochen. „Du musst nur fühlen und mir sagen, was sich gut anfühlt. Den Rest mache ich.” Sie kam näher, ganz langsam, gab Lou jeden Moment der Welt, zurückzuweichen. „Du riechst wunderbar, weißt du das? Nicht das Parfum. Du.”
Der erste Kuss war kaum mehr als ein Streifen Haut an Haut, ein Anlegen der Lippen, das fragte statt nahm. Lou hörte sich selbst leise einatmen. Dann wurde Romys Mund weicher, voller, und Lou merkte, wie ihre eigenen Hände sich in den weißen Kittel krallten, wie sie sich an etwas festhielt, das sie nicht erwartet hatte zu brauchen. Romy schmeckte nach dem Tee, den sie vorhin erwähnt hatte. Sie roch aus der Nähe so dicht und lebendig, dass Lou schwindelte — diese warme Linie von Hals zu Schlüsselbein, in die sie ihr Gesicht am liebsten vergraben hätte.
„Genau so”, flüsterte Romy an ihrem Mund. „Du machst das so schön. Atme weiter. Nicht festhalten — loslassen.”
Sie zog Lou tiefer in den Raum, an Regalen vorbei, bis Lous Rücken den gepolsterten Diwan fand, auf dem sonst wohl Kundinnen Probedüfte sacken ließen. Romy nahm sich Zeit mit jedem Knopf, jedem Reißverschluss, und bei jedem Stück Haut, das sie freilegte, hielt sie kurz inne und roch — die Beuge des Halses, die Innenseite des Ellenbogens, die weiche Stelle unter der Brust. „Hier”, murmelte sie gegen Lous Bauch, „hier riechst du nach dir selbst, ganz ohne alles. Das ist der beste Duft im ganzen Laden.” Lou lachte halb, halb stöhnte sie, und das Lachen löste den letzten Rest Anspannung.
Romys Hand wanderte langsam, unendlich langsam, über Lous Bauch nach unten, und blieb am Saum ihres Slips liegen — fragend. „Ja?”
„Ja. Bitte.”
Was dann kam, war nicht eilig. Romy berührte sie zuerst nur außen, mit flacher Hand, mit Geduld, bis Lou von selbst die Hüften hob. Sie war längst feucht, peinlich feucht fast, aber Romy machte aus dieser Verlegenheit etwas Gutes: „Spürst du, wie sehr dein Körper das hier will? Das ist nichts, wofür man sich schämt. Das ist schön.” Erst dann glitten ihre Finger zwischen die Falten, fanden den Punkt, an dem Lou zusammenzuckte, und kreisten dort — sanft, regelmäßig, in einem Rhythmus, der sie höher und höher trug.
Und dann, kurz bevor es kippte, hielt Romy inne.