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Erstes Mal Serie · Sillage · Teil 1 von 3

Die Kopfnote

Lou kommt ins Atelier Sillage, um ein Parfum für ein Date mit einem Mann zu finden. Doch hinter dem Tresen steht Romy — und plötzlich riecht Lou nur noch eines: was ihre eigene Haut aus der Nähe einer Frau macht.

Bergamotte und Nerven

Die Türglocke war nicht laut, eher ein einzelner heller Ton, der sofort wieder verschluckt wurde — von all dem, was in diesem schmalen Raum nach etwas roch. Lou blieb auf der Schwelle stehen, eine Hand noch an der kühlen Klinke, und atmete ein, bevor sie überhaupt einen Schritt machte. Es war, als ginge man in ein Gewächshaus, nur dass hier keine Pflanzen wuchsen, sondern Flaschen. Hunderte kleine Glasfläschchen auf dunklen Walnussregalen, manche bernsteinfarben, manche klar, und über allem dieser warme, vielschichtige Dunst, den sie nicht in Worte fassen konnte. Zitrus zuerst. Dann etwas Holziges, Rauchiges darunter, das blieb.

„Du darfst ruhig reinkommen”, sagte eine Stimme. „Die Düfte beißen nicht.”

Lou hatte die Frau hinter dem Tresen erst gar nicht wahrgenommen, so still hatte sie dort gestanden. Mitte dreißig vielleicht, dunkles Haar streng zurückgebunden, ein weißer Laborkittel über einem schlichten Shirt, die Ärmel hochgekrempelt. Sie hatte einen schmalen Papierstreifen zwischen zwei Fingern und wedelte ihn langsam durch die Luft, als dirigiere sie etwas, das nur sie hören konnte.

„Ich — ja.” Lou ließ die Tür hinter sich zufallen. Sechsundzwanzig Jahre alt und plötzlich fühlte sie sich, als hätte man sie in einen Raum geschoben, dessen Sprache sie nicht sprach. „Ich suche ein Parfum. Für — also, ich hab am Wochenende ein Date. Und ich wollte mal etwas Anderes als immer dasselbe.”

„Ein Date.” Die Frau lächelte, legte den Streifen auf die Marmorplatte. „Dann ist die Frage nicht, was du riechen willst. Sondern wer dich riechen soll.” Sie kam um den Tresen herum, streckte die Hand aus. „Romy. Das hier ist mein Atelier. Sillage.”

„Lou.” Ihre Hand war warm und trocken und hielt einen Moment länger, als nötig gewesen wäre. „Sillage — was heißt das?”

„Die Spur, die ein Duft hinterlässt, wenn der Mensch schon weg ist.” Romy musterte sie, nicht aufdringlich, aber gründlich, so wie man eine Zutat prüft. „Manche Leute riecht man noch, wenn sie längst um die Ecke sind. Das ist Sillage.”

Lou spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg, und wusste nicht, warum. Es war nur ein Wort gewesen.

Was deine Haut daraus macht

Romy stellte keine Fragen über den Mann. Sie fragte stattdessen, ob Lou abends gern Fenster offen habe, ob sie lieber heißen Tee oder kalten trinke, ob sie sich nach Regen sehne oder ihn fürchte. „Ein Parfum ist kein Etikett”, sagte sie, während sie ein erstes Fläschchen entkorkte. „Es ist eine Reaktion. Dein Körper, deine Wärme, dein pH — die machen aus demselben Tropfen bei dir etwas völlig anderes als bei mir.”

Sie tauchte einen frischen Streifen ein, fächelte ihn an, hielt ihn Lou vor das Gesicht. „Das ist nur die Kopfnote. Das Erste, was du wahrnimmst. Frech, hell, vergänglich — in zehn Minuten ist sie weg.” Bergamotte, sagte sie, und etwas Grünes, fast wie zerriebene Blätter. „Aber sie ist nicht das, woran man sich erinnert. Sie ist nur das Versprechen.”

„Und woran erinnert man sich?”, fragte Lou.

„An das, was bleibt, wenn die Aufregung verflogen ist.” Romy sah sie an, und in ihren Augen lag etwas, das Lou nicht zu deuten wusste. „Komm mal her. An Papier riecht man nichts Echtes.”

Sie führte Lous Handgelenk an die eigenen Lippen — nicht küssend, nur hauchend —, drehte es, sprühte einen winzigen Nebel auf die zarte Innenseite, dort, wo die Adern blau durchschimmerten. „Nicht reiben”, sagte sie leise. „Das bricht die Moleküle. Lass es einfach warm werden.”

Lou hielt das Handgelenk an die Nase, und tatsächlich — es roch anders als der Streifen. Runder. Wärmer. Privater. Als hätte der Duft etwas von ihr gelernt.

„Spürst du das?”, murmelte Romy. Sie stand jetzt sehr nah, näher als ein Verkaufsgespräch es verlangte, und Lou roch nicht mehr nur das Parfum. Sie roch Romy selbst — etwas Sauberes, Hautwarmes, ein Hauch Zedernholz, der nicht aus einer Flasche kam. „Das ist nicht mehr der Duft. Das bist du. Was deine Haut daraus macht.”

Lou hätte einen Schritt zurücktreten können. Sie tat es nicht. Sie merkte, wie ihr Atem flacher ging, wie ihr Blick an Romys Mund hängen blieb, an der kleinen Bewegung der Lippen, und dachte mit einer Klarheit, die sie erschreckte: Ich bin wegen eines Mannes hier und kann nicht aufhören, eine Frau anzusehen.

„Romy”, sagte sie, und ihre Stimme war nicht so fest, wie sie es geplant hatte.

„Ich weiß.” Romy trat keinen Zentimeter zurück, aber sie machte auch nichts. Sie wartete. „Ich gehe nicht davon aus, dass du das willst. Ich frage. Das ist ein Unterschied.” Ein halbes Lächeln. „Willst du, dass ich aufhöre, dir so nah zu sein?”

Es war eine ehrliche Frage, keine rhetorische. Lou hätte nein sagen können, und Romy hätte zwei Schritt Abstand genommen und ihr ein Parfum für den Mann verkauft, und das wäre das Ende gewesen.

„Nein”, flüsterte Lou. „Hör nicht auf.”

Langsam

Romy schloss die Tür ab — drehte das kleine Schild auf geschlossen, und das Klicken des Riegels war lauter als alles andere. „Wenn irgendwann etwas ist, das du nicht willst”, sagte sie, während sie zurückkam, „sagst du einfach halt. Kein langes Erklären. Ein Wort genügt.” Sie strich Lou eine Haarsträhne hinters Ohr. „Das ist dein Safeword. Es ist keine Schwäche, es zu benutzen. Es ist das, was das hier sicher macht. Verstehst du?”

Lou nickte. Allein dass jemand das aussprach — dass jemand ihren Konsens nicht voraussetzte, sondern ihn wie etwas Kostbares behandelte —, ließ etwas in ihr nachgeben, das sie sonst immer angespannt hielt.

„Ich hab das noch nie”, sagte sie schnell, fast entschuldigend. „Mit einer Frau, meine ich. Ich weiß nicht, ob ich —”

„Du musst gar nichts wissen.” Romy nahm ihr Gesicht in beide Hände, und ihre Daumen strichen über Lous Wangenknochen. „Du musst nur fühlen und mir sagen, was sich gut anfühlt. Den Rest mache ich.” Sie kam näher, ganz langsam, gab Lou jeden Moment der Welt, zurückzuweichen. „Du riechst wunderbar, weißt du das? Nicht das Parfum. Du.”

Der erste Kuss war kaum mehr als ein Streifen Haut an Haut, ein Anlegen der Lippen, das fragte statt nahm. Lou hörte sich selbst leise einatmen. Dann wurde Romys Mund weicher, voller, und Lou merkte, wie ihre eigenen Hände sich in den weißen Kittel krallten, wie sie sich an etwas festhielt, das sie nicht erwartet hatte zu brauchen. Romy schmeckte nach dem Tee, den sie vorhin erwähnt hatte. Sie roch aus der Nähe so dicht und lebendig, dass Lou schwindelte — diese warme Linie von Hals zu Schlüsselbein, in die sie ihr Gesicht am liebsten vergraben hätte.

„Genau so”, flüsterte Romy an ihrem Mund. „Du machst das so schön. Atme weiter. Nicht festhalten — loslassen.”

Sie zog Lou tiefer in den Raum, an Regalen vorbei, bis Lous Rücken den gepolsterten Diwan fand, auf dem sonst wohl Kundinnen Probedüfte sacken ließen. Romy nahm sich Zeit mit jedem Knopf, jedem Reißverschluss, und bei jedem Stück Haut, das sie freilegte, hielt sie kurz inne und roch — die Beuge des Halses, die Innenseite des Ellenbogens, die weiche Stelle unter der Brust. „Hier”, murmelte sie gegen Lous Bauch, „hier riechst du nach dir selbst, ganz ohne alles. Das ist der beste Duft im ganzen Laden.” Lou lachte halb, halb stöhnte sie, und das Lachen löste den letzten Rest Anspannung.

Romys Hand wanderte langsam, unendlich langsam, über Lous Bauch nach unten, und blieb am Saum ihres Slips liegen — fragend. „Ja?”

„Ja. Bitte.”

Was dann kam, war nicht eilig. Romy berührte sie zuerst nur außen, mit flacher Hand, mit Geduld, bis Lou von selbst die Hüften hob. Sie war längst feucht, peinlich feucht fast, aber Romy machte aus dieser Verlegenheit etwas Gutes: „Spürst du, wie sehr dein Körper das hier will? Das ist nichts, wofür man sich schämt. Das ist schön.” Erst dann glitten ihre Finger zwischen die Falten, fanden den Punkt, an dem Lou zusammenzuckte, und kreisten dort — sanft, regelmäßig, in einem Rhythmus, der sie höher und höher trug.

Und dann, kurz bevor es kippte, hielt Romy inne.

Der Punkt, an dem du kippst

„Nein”, keuchte Lou. „Nicht aufhören, bitte —”

„Doch.” Romys Stimme war ein dunkles Schnurren an ihrem Ohr. Ihre Finger blieben liegen, regungslos, hielten Lou auf dieser zitternden Schwelle fest. „Noch nicht. Vertrau mir. Je länger ich dich hier halte, desto lauter wird es, wenn ich dich lasse.” Sie küsste Lous Schläfe, ihre Wange, ihren offenen Mund. „Das nennt man Edging. Ich bring dich bis ganz an den Rand und wieder zurück. Und wieder. Bis du es kaum noch aushältst.”

Lou hatte keine Ahnung gehabt, dass ihr eigener Körper so etwas konnte — dass das Zurückgehaltenwerden fast besser sein konnte als das Ankommen. Romy las sie wie eine Duftpyramide, Schicht um Schicht: sie spürte genau, wann Lous Atem flach und schnell wurde, wann sich der Bauch anspannte, und in genau diesem Moment verlangsamte sie wieder, ließ Lou zurückgleiten, hauchte „so brav, so wunderschön bist du gerade” gegen ihre Haut. Dreimal. Viermal. Beim fünften Mal wimmerte Lou offen, und ihre Fingernägel hinterließen Halbmonde auf Romys Unterarm.

„Bitte”, sagte sie, und es war kein Wort mehr, nur noch Bedürfnis. „Romy. Ich kann nicht mehr.”

„Doch, kannst du.” Romy nahm jetzt zwei Finger, glitt langsam in sie hinein, krümmte sie nach vorn, dorthin, wo Lou noch nie jemand so gefunden hatte — der G-Punkt, dachte Lou irgendwo in einer letzten klaren Ecke ihres Kopfes, das ist also gemeint —, und der Daumen kehrte zurück zu dem Punkt, der vor Spannung pochte. „Jetzt”, flüsterte Romy. „Jetzt darfst du. Lass dich gehen. Ich hab dich. Ich halt dich. Komm für mich.”

Es war, als hätte jemand ein zu lange gespanntes Seil losgelassen. Lou bog den Rücken durch, ihr Stöhnen brach an der Decke des kleinen Ateliers, und der Höhepunkt rollte nicht — er brach, in Wellen, die sich überschlugen, weil so lange so viel zurückgehalten worden war. Romy ließ nicht los, redete leise weiter durch das Beben hindurch, ja, genau so, ich hab dich, ganz ruhig, fing jedes Zucken auf, bis Lou nur noch atmete und lachte und ein bisschen weinte, alles gleichzeitig.

Und Romy hörte nicht auf. Während Lou noch nachbebte, verlangsamte sie nur, hielt den Kontakt, baute aus dem ersten Höhepunkt schon den nächsten — sanfter diesmal, ohne Edging, ein langsames Vanilla-Auslaufenlassen, das Lou ein zweites Mal über die Klippe trug, weicher, runder, fast zärtlich. „Noch eins”, sagte Romy, „nur weil du es so schön machst”, und Lou ließ es geschehen, ergeben, offen, in einer Hingabe, die sie an sich selbst nicht kannte.

Was bleibt

Danach lag sie auf dem Diwan, Romys Kittel über sich gezogen, den Kopf an Romys Schulter, und der Raum drehte sich noch ein wenig. Romy hatte irgendwo eine Decke hervorgeholt und ein Glas Wasser, hielt es ihr an die Lippen, strich ihr das verschwitzte Haar aus der Stirn. „Trink. Langsam. Du zitterst noch.”

„Ist das normal?” Lous Stimme war rau.

„Völlig normal. Das gehört dazu.” Romy zog die Decke höher, schloss Lou ganz in ihre Arme. „Das hier ist der wichtigste Teil. Aftercare. Was vorhin passiert ist, hat dich weit aufgemacht — jetzt halte ich dich, bis du wieder ganz bei dir bist. Niemand lässt dich danach allein. Niemals.” Sie küsste Lous Schläfe. „Du warst so mutig. Und so wunderschön dabei.”

Lou spürte, wie sich bei diesen Worten etwas in ihrer Brust zusammenzog — nicht unangenehm, eher wie ein Knoten, der sich endlich löste. Sie lag eine ganze Weile so, hörte Romys Herzschlag, atmete den warmen Zedernduft ihrer Haut, und merkte, wie aus dem Beben langsam ein tiefer, schwerer Frieden wurde. Der Afterglow-Effekt, hätte Romy es vielleicht genannt — dieses goldene Nachglühen, in dem die Welt ganz leise und weich war.

„Mein Date am Wochenende”, sagte Lou irgendwann in die Stille hinein und lachte leise, ungläubig. „Ich glaub, ich brauch kein Parfum mehr dafür.”

Romy lächelte gegen ihr Haar. „Vielleicht nicht. Vielleicht aber doch — nur für jemand anderen.” Sie hob Lous Handgelenk, das, auf dem vorhin der erste Tropfen gelandet war, und roch daran. Die Kopfnote war längst verflogen. Was geblieben war, dicht und warm und unverkennbar Lou, war etwas ganz anderes. „Die Kopfnote ist immer nur das Versprechen”, sagte sie leise. „Das, woran man sich erinnert, kommt später.”

Sie sah Lou an, und in ihrem Blick lag eine Frage, die sie diesmal nicht aussprach.

„Komm wieder”, sagte sie nur. „Wir sind noch lange nicht bei der Herznote.”

Lou, eingewickelt in Decke und Kittel und den Geruch einer Frau, die sie heute Morgen noch nicht gekannt hatte, wusste mit einer Sicherheit, die sie sonst nie kannte, dass sie wiederkommen würde. Draußen war es dunkel geworden. Und als sie viel später durch die kühle Nachtluft nach Hause ging, trug sie keine Probe in der Tasche — nur die Spur von Romy auf ihrer Haut, die noch um jede Ecke mit ihr ging.

Sillage. So hatte Romy es genannt. Das, was bleibt, wenn der Mensch schon weg ist.

Alle in dieser Geschichte handelnden Personen sind volljährig (18+). Es handelt sich um frei erfundene Fiktion; jede dargestellte Handlung ist einvernehmlich. Keine Darstellung illegaler Handlungen.