Die einzige Nacht
Einmal im Jahr, wenn überhaupt, öffnet die Königin der Nacht ihre Blüte — und sie hält nur bis zum ersten grauen Licht. Dann ist alles vorbei, der Kelch fällt in sich zusammen wie nasses Papier, und man wartet wieder zwölf Monate. Marit wusste das. Sie wusste es so genau, dass sie seit dem Nachmittag nichts gegessen hatte, weil ihr Magen sich bei jedem Gedanken daran zusammenzog wie eine Hand.
Es war kurz nach zehn, und das Glashaus atmete. So nannte sie es, wenn die Wärme des Tages aus den Rohren stieg und gegen das kühle Glas drückte, bis die Scheiben beschlugen und das ganze Gebäude in einem feuchten, grünen Dunst stand. Draußen lag der Park schwarz und still. Drinnen tropfte es leise von den Blättern der Bananenstauden, und es roch nach Erde, nach Moos, nach dem süßlichen Saft zerdrückter Stängel. Sie hatte nur die kleine Arbeitslampe über der Topfbank brennen lassen. Mehr Licht, das wusste sie, und die Pflanze würde sich nicht trauen.
Der Knospenkopf hing schwer am Trieb, faustgroß, blassgrün mit einem Schimmer Creme an der Spitze. Heute. Sie spürte es, wie man Regen in den Knien spürt. Marit zog den Hocker heran, setzte sich davor und sah einfach hin, die Ellbogen auf den Knien, das Haar feucht im Nacken. Sie war achtunddreißig und hatte gelernt, dass die schönsten Dinge die waren, auf die man warten musste, ohne sie zwingen zu können.
Hinter ihr klickte die Tür.
Der Mann mit der Kamera
Sie hatte ihn fast vergessen. Lennard. Der Fotograf, den das Kuratorium geschickt hatte, weil so ein Aufblühen dokumentiert gehörte — für die Stiftung, für die Website, für irgendeine Broschüre, die niemand las. Sie hatte ihm am Nachmittag den Schlüsselcode gegeben und gehofft, er würde es vergessen oder verschlafen.
Er hatte es nicht vergessen.
„Ich störe”, sagte er. Keine Frage. Er blieb an der Tür stehen, die Kameratasche über der Schulter, und sah sich um, als wäre er in eine Kirche getreten. Regentropfen, nein, Kondenswasser, glänzten schon in seinen Haaren. „Ich kann mich in die Ecke setzen und so tun, als wäre ich nicht da.”
„Das schaffen Sie nicht.” Marit drehte sich halb zu ihm. „Hier drin hört man jeden Atemzug.”
Er lachte leise, kam näher, und sie merkte, dass sie das mochte — die Art, wie er sich bewegte, langsam, als wollte er die Luft nicht erschrecken. Er stellte die Tasche ab, ohne sie zu öffnen.
„Wann?”, fragte er nur.
„Vielleicht in einer Stunde. Vielleicht in dreien. Sie macht, was sie will.” Marit nickte zum Hocker neben sich. „Setzen Sie sich. Aber kein Blitz. Wenn Sie blitzen, fotografieren Sie eine Leiche.”
Also setzte er sich. Und sie warteten.
Es ist eine eigene Intimität, mit einem Fremden zu schweigen. Eine Stunde verging, und sie redeten kaum, und doch wusste sie nach dieser Stunde mehr über ihn als über manche Menschen nach Jahren. Sie kannte das Geräusch, das er machte, wenn er nachdachte — ein kurzes Ausatmen durch die Nase. Sie kannte den Abstand, den seine Hand auf seinem Knie hielt, immer ein paar Zentimeter zu nah an ihrem. Sie kannte die Wärme, die von ihm ausging, anders als die Wärme der Rohre, trockener, lebendiger.
„Sie machen das jedes Jahr?”, fragte er irgendwann.
„Seit neun Jahren. Acht Mal war ich allein.” Sie lächelte, ohne ihn anzusehen. „Man gewöhnt sich daran, dass das Schönste niemand sieht.”
„Heute sieht es jemand.”
Sie drehte den Kopf. Er sah nicht die Knospe an. Er sah sie an, und in dem feuchten gelben Licht lag etwas Offenes in seinem Gesicht, etwas, das nicht höflich war und nicht harmlos. Marit hielt den Blick länger, als sie sollte. Die Luft zwischen ihnen war ohnehin schon gesättigt, man konnte nichts mehr hineingeben, ohne dass es kondensierte.
„Vorsicht”, sagte sie leise. Es klang nicht wie eine Warnung. Es klang wie eine Einladung, die so tat, als wäre sie eine Warnung.
„Wovor?”
„Davor, dass Sie etwas anfangen, das nur eine Nacht hält.”
Er lächelte. „Das Beste hier hält nur eine Nacht.”
Wenn sie sich öffnet
Es war kurz vor eins, als die Knospe sich bewegte.
Nicht sichtbar, nicht so, dass man hätte sagen können, jetzt. Eher ein Knistern, ein winziges Spannen, wie wenn man eine Faust ganz langsam öffnet und die Sehnen unter der Haut wandern sehen kann. Marit hob die Hand, ohne zu denken, und legte sie auf Lennards Unterarm. „Jetzt”, flüsterte sie. „Jetzt fängt sie an.”
Er rührte sich nicht. Ihre Hand lag auf seinem Arm, und keiner von beiden zog sie weg. Vor ihnen löste sich das erste äußere Hüllblatt, bog sich nach hinten, gab einen Spalt frei, aus dem ein Duft quoll — schwer, süß, fast obszön süß, ein Duft, der gemacht war, um in der Dunkelheit zu betäuben, um Falter über Kilometer anzuziehen. Marit hatte ihn neun Mal gerochen und war jedes Mal davon getroffen worden wie beim ersten.
Diesmal traf sie noch etwas anderes.
Sie spürte, wie sich sein Arm unter ihrer Hand drehte, langsam, bis seine Handfläche an ihrer lag, und wie seine Finger sich zwischen ihre schoben. Sie sah nicht hin. Sie sah die Blüte an, die sich Blatt um Blatt aufschälte, weiß wie der Mond unter Wasser, und sie spürte seinen Daumen, der über ihren Handrücken strich, einmal, zweimal, eine Frage in einer Sprache ohne Worte.
„Wenn ich jetzt nicht aufhöre, dich anzusehen”, sagte er, „dann sag es mir.”
Es war die richtige Art zu fragen. Nicht weil sie es gebraucht hätte, sondern weil sie es hören wollte — dass er fragte, dass der ganze Hunger in seiner Stimme trotzdem auf ihr Ja wartete. Konsens war für sie nie ein Hindernis gewesen, das man wegräumte, sondern das, was die Tür überhaupt erst öffnete.
„Hör nicht auf”, sagte sie.
Dann war seine Hand in ihrem feuchten Nacken, und sie küssten sich über dem Hocker hinweg, ungeschickt zuerst, weil der Winkel falsch war, und dann gar nicht mehr ungeschickt. Er schmeckte nach der Nacht, nach Regen und Kaffee, und sie hörte sich selbst einen Laut machen, den sie seit langem nicht gemacht hatte. Sie stand auf, zog ihn mit, und er drängte sie rückwärts gegen die Topfbank, bis die Kante hart an ihren Oberschenkeln lag.
„Hier?”, murmelte er an ihrem Hals.
„Wo sonst.” Sie lachte atemlos. „Ich gehe nicht weg von ihr. Nicht heute Nacht.”
Seine Hände schoben ihr Arbeitshemd aus der Hose, fanden die warme Haut darunter, und sie bog den Rücken in seine Handflächen. Er war nicht hastig, und doch lag in jeder Bewegung eine Dringlichkeit, die sie kannte und liebte, der Drang nach einem schnellen Quickie hier zwischen den Töpfen, der sich gegen die Geduld stemmte, die dieser Ort verlangte. Sie spürte beides in ihm kämpfen, und sie entschied für ihn, indem sie seine Hand nahm und nach unten führte, in den geöffneten Bund ihrer Hose.
Was er dort fand, ließ ihn innehalten, und als seine Finger sie zum ersten Mal berührten, fluchte er leise an ihrem Ohr — ein paar Worte, derb und genau, ein Dirty Talk, der nicht angeberisch war, sondern beschrieb, was er fühlte, wie nass sie war, wie sehr er das gewollt hatte, seit er durch die Tür gekommen war. Sie hätte sich für diese Worte schämen sollen und schämte sich kein bisschen. Sie drückte sich gegen seine Hand und sagte ihm, leiser, gröber, was sie zurückwollte.
Sie drehte sich um.
Sie drehte sich aus eigenem Antrieb um, stützte die Unterarme auf die Topfbank zwischen den leeren Tontöpfen, und schob die Hose über die Hüften. Er verstand. Natürlich verstand er. A tergo, von hinten, mit der Stirn fast an den kühlen Tonscherben und der Blüte direkt vor ihren Augen, die sich weiter und weiter öffnete — so wollte sie ihn, so wollte sie das, in derselben Achse wie die Pflanze, die ihr ganzes Jahr in diese eine Nacht legte.
„Warte”, sagte er rau, und sie hörte das Rascheln, die Sekunde der Vernunft, dann seine Hand wieder an ihrer Hüfte, fest, fragend. „Ja?”
„Ja”, sagte sie. „Gott, ja.”