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Erstes Mal Serie · Sillage · Teil 2 von 3

Die Herznote

Liv kehrt in Junas Atelier zurück, weil ihrem Duft noch das Herz fehlt. Doch was an diesem Abend zwischen Flakons und Atem entsteht, lässt sich mit keiner Formel fassen — nur langsam, nur einvernehmlich, nur zu zweit.

Der Duft empfing mich, bevor Juna es tat. Ich hatte kaum die Klinke heruntergedrückt, da legte sich der warme, harzige Atem ihres Ateliers um mich wie eine Hand im Nacken — Sandelholz, etwas Bitteres von Tabakblatt, darunter dieser pudrige Schimmer, den ich seit Wochen nicht aus dem Kopf bekam. Ich hatte mir den ganzen Tag eingeredet, ich käme nur wegen des Flakons. Wegen der Arbeit. Wegen des Duftes, der noch nicht fertig war. Und jetzt stand ich in der Tür, die Knie schon ein wenig weich, und wusste, dass ich mir den ganzen Tag etwas vorgemacht hatte.

„Du bist gekommen”, sagte Juna, ohne aufzusehen. Sie saß an ihrer Orgel, dieser halbrunden Wand aus hunderten kleinen Fläschchen, und drehte ein Probierstäbchen zwischen zwei Fingern, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass ich abends um neun in ihre Werkstatt zurückkehrte. „Ich wusste nicht, ob du das wirklich tust.”

„Du hast gesagt, der Duft sei nicht fertig.”

„Ist er nicht.” Jetzt drehte sie sich um. Ihr Blick traf mich so direkt, dass ich den Riemen meiner Tasche fester packte. „Ihm fehlt die Herznote. Die Kopfnote habe ich an dem Abend gefunden, als du das erste Mal hier warst — diese helle, fast übermütige Sache, Bergamotte, ein Spritzer Pfeffer. Sie verfliegt schnell. Sie soll nur die Tür aufhalten.” Juna stand auf. „Und die Basis steht. Das, was bleibt, wenn alles andere weg ist. Aber dazwischen” — sie kam näher, langsam, jeder Schritt abgewogen — „dazwischen ist noch ein Loch. Das Herz. Das, wofür man einen Duft eigentlich trägt.”

Ich roch sie, bevor sie mich erreichte. Nicht Parfüm — sie. Warme Haut, ein Rest von Kaffee, etwas Grünes, das nach geschnittenen Stielen roch.

„Und das findest du heute?”, fragte ich, und meine Stimme war eine Spur zu leise.

„Wir”, sagte sie. „Wenn du willst.”

Was ein Duft verlangt

Sie schob mir einen Hocker hin und setzte sich mir gegenüber, so nah, dass unsere Knie sich fast berührten. Auf dem Tisch zwischen uns lag ein Fächer aus Probierstäbchen, bernsteinfarbene Tröpfchen schon getrocknet an den Enden.

„Ich arbeite anders als die meisten”, sagte Juna. „Ich rieche nicht nur. Ich frage.” Sie hob ein Stäbchen, hielt es mir hin, aber nicht ganz nah genug. „Olfaktorik ist Erinnerung, Liv. Jeder Duft, der unter die Haut geht, hängt an einem Körper. Ich kann dir kein Herz komponieren, wenn ich nicht weiß, wie deins schlägt, wenn dir etwas gefällt.”

Ich lachte, ein bisschen atemlos. „Das klingt nach einer sehr aufwendigen Verkaufsmasche.”

„Es ist keine Masche.” Sie sagte es ruhig, ohne Schärfe. „Und es ist auch keine Falle. Wir reden zuerst. Bevor irgendetwas passiert, das mehr ist als Riechen, reden wir, und du sagst mir, wo deine Grenzen sind. Ich nenne dir meine. Wenn du irgendwann nicht mehr willst, sagst du ein Wort, und alles hört auf — sofort, ohne dass du es erklären musst.” Ihre Augen ließen mich nicht los. „Konsens ist bei mir keine Formalität, die man am Anfang abhakt. Es ist die ganze Komposition. Verstehst du?”

Ich nickte, und dann, weil Nicken sich feige anfühlte, sagte ich es laut: „Ich verstehe.”

„Dann das Wichtigste zuerst.” Juna legte das Stäbchen weg. „Warst du schon mal mit einer Frau zusammen?”

Die Frage hing im harzigen Licht. Ich hätte ausweichen können. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Nein. Nie. Ich habe — ich habe darüber nachgedacht. Lange. Aber nie.” Heiße Verlegenheit kroch mir den Hals hoch. „Du bist die Erste, bei der ich es nicht nur gedacht habe.”

Etwas in ihrem Gesicht wurde weicher. „Danke, dass du mir das sagst.” Keine Spur von Triumph darin, nur ein behutsames Gewicht. „Dann gehen wir langsam. Langsamer, als du vielleicht erwartest. Ich will nicht, dass dein erstes Mal ein Quickie zwischen zwei Terminen wird, an das du dich kaum erinnerst. Ich will, dass du es schmeckst.” Sie lächelte schief. „Ich bin Parfümeurin. Ich habe ein Problem mit allem, was zu schnell verfliegt.”

„Und wenn ich nervös bin?”

„Dann bist du nervös. Das ist erlaubt.” Sie streckte die Hand aus, ließ sie aber in der Luft, eine Frage. „Darf ich?”

Ich legte meine Hand in ihre. Allein das — ihre trockene, warme Handfläche, die Schwiele am Daumen vom Pipettieren — schickte mir einen Schauer bis in die Kniekehlen.

Erste Schicht

Sie band mir mit einem weichen Seidentuch die Augen ab. „Vertrau deiner Nase”, sagte sie nah an meinem Ohr, und ihr Atem an meinem Hals war der erste Höhepunkt einer Spannung, die noch gar nicht begonnen hatte. „Wenn du nichts siehst, lügt dir nichts vor. Dann bist du ganz ehrlich.”

Das Erste war ein Stäbchen unter meiner Nase. Zitrus, grün, hell. „Die Kopfnote”, flüsterte sie. „Wie fühlt sie sich an?”

„Wie der Anfang von etwas. Wie der Moment, bevor man sich traut.”

„Gut.” Ein Rascheln. Ein neuer Duft, dunkler, samtig. „Und der?”

„Warm. Wie — wie etwas, das näher kommt.”

Während sie sprach, wanderten ihre Finger. Nicht eilig. Sie zeichneten die Linie meines Schlüsselbeins nach, lösten den obersten Knopf meiner Bluse, und jedes Mal hielt sie kurz inne, eine stumme Frage, die ich jedes Mal mit einem leisen Ja beantwortete. Die Augenbinde machte alles größer. Ihre Lippen, als sie sie endlich auf meinen Mund legte, kamen aus dem Nichts und waren weicher, als ich je gedacht hätte, dass ein Kuss sein könnte. Sie schmeckte nach dem bitteren Kaffee und nach etwas Süßem darunter.

Ich hörte mich seufzen, ein Laut, den ich nicht kannte.

„Atme mit mir”, sagte Juna gegen meine Lippen. „Das ist das Einzige, was ich dich wirklich lehren will. Tantra ist kein esoterischer Quatsch, es ist nur das — gemeinsam atmen, langsam werden, da bleiben, wo es sich gut anfühlt, statt sofort zum Ende zu hetzen.” Sie nahm meine Hand und legte sie flach auf ihren Brustkorb. „Ein, zwei, drei. Aus, zwei, drei. Spürst du?”

Ich spürte. Ihr Herz unter meiner Handfläche, der Hub ihres Atems, mein eigener, der sich nach ihrem ausrichtete, bis ich nicht mehr genau wusste, wo ihre Brust aufhörte und meine anfing. Etwas in meinem Becken wurde schwer und warm.

Sie löste mir die Bluse Knopf für Knopf, küsste jede Stelle, die frei wurde, das Tal zwischen meinen Brüsten, die weiche Wölbung darunter. Als sie die Augenbinde löste und ich sie wieder sehen konnte — kniend vor dem Hocker, das Haar zerzaust, die Augen dunkel — war das fast zu viel. „Ich will, dass du bei mir bist”, sagte sie. „Mit allem. Nicht weg in deinem Kopf. Hier.”

Die Kunst, langsam zu sein

Wir kamen nie ganz von diesem Hocker weg, bis wir es taten — taumelnd, lachend, sie zog mich auf das breite Sofa unter dem Fenster, wo die Stadt unten in Lichtern lag und niemand uns sah. Ich erwartete, dass es jetzt schnell ginge. Es ging nicht.

Juna nahm sich Zeit, als hätten wir alle Zeit der Welt. Sie streifte mir die Hose über die Hüften, küsste sich an der Innenseite meines Schenkels entlang, und jedes Mal, wenn ich mich aufbäumte, ihr entgegen, wenn das Verlangen weiß und drängend wurde, hielt sie inne. Wartete. Ließ die Welle abebben, bis ich beinahe wimmerte.

„Was tust du mir an”, keuchte ich.

Edging”, sagte sie, und ich hörte das Lächeln. „Ich bringe dich an den Rand und dann zurück. Und wieder hin. Glaub mir — wenn ich dich endlich lasse, wirst du es bis in die Fingerspitzen spüren.” Ihre Hand lag warm auf meinem Bauch, hielt mich da, hielt mich unten. „Aber nur, wenn es sich gut anfühlt. Ein Wort, und ich höre auf. Sag’s mir.”

„Es fühlt sich —” Ich rang nach Luft, als ihre Finger mich wieder fanden, langsam, kreisend, genau richtig und doch nicht genug. „Es fühlt sich an, als würde ich verrückt.”

„Das ist die Idee.”

Sie spielte mich wie ein Instrument, das sie schon ihr Leben lang kannte. Zwei Finger, die sich in mich schoben, langsam, suchend, bis sie eine Stelle fanden, die mich aufschreien ließ — und dann blieben sie dort, geduldig, ein sanfter Druck gegen den G-Punkt, im Takt unseres gemeinsamen Atems. Ich war nass bis auf die Schenkel, mein ganzer Körper eine einzige gespannte Saite. Dreimal trieb sie mich bis an die Kante, dieses kippende, schwindelnde Versprechen — und dreimal zog sie sich zurück, küsste mein zuckendes Bauchfleisch, flüsterte „noch nicht, noch nicht”, bis ich sie anflehte.

„Bitte”, hörte ich mich sagen, eine Stimme ohne Scham. „Juna, bitte, ich kann nicht mehr.”

„Doch, kannst du.” Ihr Mund senkte sich auf mich, heiß und weich, ihre Zunge fand den Rhythmus, den ihre Finger vorgaben. „Noch einmal atmen. Mit mir. Und dann lass los.”

Ich atmete. Und ließ los.

Der Höhepunkt riss mich von innen auf, nicht spitz und schnell, sondern in langen, rollenden Wellen, eine nach der anderen, ausgelöst durch all das Warten, durch jede Sekunde, die sie mir vorenthalten hatte. Ich hörte mich rufen, ihren Namen, irgendetwas, und sie blieb bei mir, ihre Hand in meiner, ihr Mund sanfter werdend, bis das letzte Beben verebbte und ich zitternd dalag, die Augen feucht, ohne zu wissen, warum.

Die Basis, die bleibt

Sie ließ mich nicht allein in diesem rohen, offenen Zustand. Das war das Erste, was ich lernte über das, was danach kam.

Juna zog eine weiche Decke über uns beide, legte sich neben mich, eng, ihre Brust an meinem Rücken, ihr Arm fest um meine Mitte. „Das ist der wichtigste Teil”, murmelte sie in mein Haar. „Aftercare. Ich lasse niemanden allein über die Klippe und gehe dann Kaffee kochen. Du bist gerade ganz weit aufgegangen. Jetzt sammeln wir dich wieder ein.”

Ich merkte erst da, dass ich weinte — nicht traurig, eher übergelaufen, randvoll. Sie wischte mir die Träne mit dem Daumen weg, ohne ein Wort darüber zu verlieren, als wäre auch das ein Teil des Dufts.

„War das in Ordnung?”, fragte sie nach einer Weile, als mein Atem sich beruhigt hatte. „Nicht zu schnell, nicht zu viel?”

„Es war —” Ich suchte nach dem Wort und musste lachen, weil ausgerechnet ich, bei einer Parfümeurin, keins fand. „Es war nichts Verrücktes. Nichts Wildes. Es war fast — sanft.”

Vanilla”, sagte sie, und ich spürte ihr Grinsen an meinem Nacken. „So nennt man das. Als wäre das etwas Geringeres. Dabei ist es das Schwerste — jemandem nah zu sein, ganz ohne Versteck, ohne Rolle, ohne Spektakel. Nur Haut und Atem und Vertrauen.” Sie küsste meine Schulter. „Du warst großartig darin. Beim ersten Mal.”

Ich drehte mich in ihren Armen herum, bis wir uns ansahen. Draußen war die Stadt zu einem Glühen verschwommen. In mir breitete sich etwas aus, warm und tragend, dieser lange Nachhall, dieser Afterglow-Effekt, der bleibt, wenn die Hitze schon verflogen ist — wie die Basisnote eines Parfüms, die man erst Stunden später wirklich riecht.

„Und der Duft?”, fragte ich leise. „Hast du jetzt deine Herznote?”

Juna sah mich lange an. Dann stand sie auf, nackt und unbefangen im warmen Licht, ging zu ihrer Orgel und kam mit einem einzelnen Probierstäbchen zurück. Sie hielt es mir hin — und diesmal nah genug.

Ich roch: Haut. Etwas Salziges. Wärme. Eine pudrige Süße, die nach Geborgenheit roch und doch ein Drängen darunter trug. Es roch nach dem Moment, in dem man sich traut. Es roch nach Warten und nach Loslassen. Es roch, merkte ich mit einem Stich, ein bisschen nach mir.

„Die Herznote”, sagte Juna, „ist das, was sich entfaltet, wenn die erste Aufregung verflogen ist und bevor nur noch Erinnerung bleibt. Das eigentliche Herz. Man findet sie nie allein.” Sie legte das Stäbchen beiseite und mich wieder in ihre Arme. „Komm. Schlaf eine Stunde. Dann mache ich uns Kaffee, und du erzählst mir, woran du gerade gedacht hast, als du losgelassen hast.”

Ich schloss die Augen. Der Duft des Ateliers legte sich wieder um mich, Sandelholz und Tabak und jetzt auch wir, und ich dachte, dass ich nicht wegen des Flakons gekommen war, und dass Juna das die ganze Zeit gewusst hatte. Dass sie mich hatte kommen lassen, langsam, Schicht um Schicht, bis ich selbst die Herznote war.

Sie verflog nicht. Nicht in dieser Nacht. Und, das wusste ich schon, während ich einschlief — auch lange danach nicht.

Alle in dieser Geschichte handelnden Personen sind volljährig (18+). Es handelt sich um frei erfundene Fiktion; jede dargestellte Handlung ist einvernehmlich. Keine Darstellung illegaler Handlungen.