Der Duft empfing mich, bevor Juna es tat. Ich hatte kaum die Klinke heruntergedrückt, da legte sich der warme, harzige Atem ihres Ateliers um mich wie eine Hand im Nacken — Sandelholz, etwas Bitteres von Tabakblatt, darunter dieser pudrige Schimmer, den ich seit Wochen nicht aus dem Kopf bekam. Ich hatte mir den ganzen Tag eingeredet, ich käme nur wegen des Flakons. Wegen der Arbeit. Wegen des Duftes, der noch nicht fertig war. Und jetzt stand ich in der Tür, die Knie schon ein wenig weich, und wusste, dass ich mir den ganzen Tag etwas vorgemacht hatte.
„Du bist gekommen”, sagte Juna, ohne aufzusehen. Sie saß an ihrer Orgel, dieser halbrunden Wand aus hunderten kleinen Fläschchen, und drehte ein Probierstäbchen zwischen zwei Fingern, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass ich abends um neun in ihre Werkstatt zurückkehrte. „Ich wusste nicht, ob du das wirklich tust.”
„Du hast gesagt, der Duft sei nicht fertig.”
„Ist er nicht.” Jetzt drehte sie sich um. Ihr Blick traf mich so direkt, dass ich den Riemen meiner Tasche fester packte. „Ihm fehlt die Herznote. Die Kopfnote habe ich an dem Abend gefunden, als du das erste Mal hier warst — diese helle, fast übermütige Sache, Bergamotte, ein Spritzer Pfeffer. Sie verfliegt schnell. Sie soll nur die Tür aufhalten.” Juna stand auf. „Und die Basis steht. Das, was bleibt, wenn alles andere weg ist. Aber dazwischen” — sie kam näher, langsam, jeder Schritt abgewogen — „dazwischen ist noch ein Loch. Das Herz. Das, wofür man einen Duft eigentlich trägt.”
Ich roch sie, bevor sie mich erreichte. Nicht Parfüm — sie. Warme Haut, ein Rest von Kaffee, etwas Grünes, das nach geschnittenen Stielen roch.
„Und das findest du heute?”, fragte ich, und meine Stimme war eine Spur zu leise.
„Wir”, sagte sie. „Wenn du willst.”
Was ein Duft verlangt
Sie schob mir einen Hocker hin und setzte sich mir gegenüber, so nah, dass unsere Knie sich fast berührten. Auf dem Tisch zwischen uns lag ein Fächer aus Probierstäbchen, bernsteinfarbene Tröpfchen schon getrocknet an den Enden.
„Ich arbeite anders als die meisten”, sagte Juna. „Ich rieche nicht nur. Ich frage.” Sie hob ein Stäbchen, hielt es mir hin, aber nicht ganz nah genug. „Olfaktorik ist Erinnerung, Liv. Jeder Duft, der unter die Haut geht, hängt an einem Körper. Ich kann dir kein Herz komponieren, wenn ich nicht weiß, wie deins schlägt, wenn dir etwas gefällt.”
Ich lachte, ein bisschen atemlos. „Das klingt nach einer sehr aufwendigen Verkaufsmasche.”
„Es ist keine Masche.” Sie sagte es ruhig, ohne Schärfe. „Und es ist auch keine Falle. Wir reden zuerst. Bevor irgendetwas passiert, das mehr ist als Riechen, reden wir, und du sagst mir, wo deine Grenzen sind. Ich nenne dir meine. Wenn du irgendwann nicht mehr willst, sagst du ein Wort, und alles hört auf — sofort, ohne dass du es erklären musst.” Ihre Augen ließen mich nicht los. „Konsens ist bei mir keine Formalität, die man am Anfang abhakt. Es ist die ganze Komposition. Verstehst du?”
Ich nickte, und dann, weil Nicken sich feige anfühlte, sagte ich es laut: „Ich verstehe.”
„Dann das Wichtigste zuerst.” Juna legte das Stäbchen weg. „Warst du schon mal mit einer Frau zusammen?”
Die Frage hing im harzigen Licht. Ich hätte ausweichen können. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Nein. Nie. Ich habe — ich habe darüber nachgedacht. Lange. Aber nie.” Heiße Verlegenheit kroch mir den Hals hoch. „Du bist die Erste, bei der ich es nicht nur gedacht habe.”
Etwas in ihrem Gesicht wurde weicher. „Danke, dass du mir das sagst.” Keine Spur von Triumph darin, nur ein behutsames Gewicht. „Dann gehen wir langsam. Langsamer, als du vielleicht erwartest. Ich will nicht, dass dein erstes Mal ein Quickie zwischen zwei Terminen wird, an das du dich kaum erinnerst. Ich will, dass du es schmeckst.” Sie lächelte schief. „Ich bin Parfümeurin. Ich habe ein Problem mit allem, was zu schnell verfliegt.”
„Und wenn ich nervös bin?”
„Dann bist du nervös. Das ist erlaubt.” Sie streckte die Hand aus, ließ sie aber in der Luft, eine Frage. „Darf ich?”
Ich legte meine Hand in ihre. Allein das — ihre trockene, warme Handfläche, die Schwiele am Daumen vom Pipettieren — schickte mir einen Schauer bis in die Kniekehlen.
Erste Schicht
Sie band mir mit einem weichen Seidentuch die Augen ab. „Vertrau deiner Nase”, sagte sie nah an meinem Ohr, und ihr Atem an meinem Hals war der erste Höhepunkt einer Spannung, die noch gar nicht begonnen hatte. „Wenn du nichts siehst, lügt dir nichts vor. Dann bist du ganz ehrlich.”
Das Erste war ein Stäbchen unter meiner Nase. Zitrus, grün, hell. „Die Kopfnote”, flüsterte sie. „Wie fühlt sie sich an?”
„Wie der Anfang von etwas. Wie der Moment, bevor man sich traut.”
„Gut.” Ein Rascheln. Ein neuer Duft, dunkler, samtig. „Und der?”
„Warm. Wie — wie etwas, das näher kommt.”
Während sie sprach, wanderten ihre Finger. Nicht eilig. Sie zeichneten die Linie meines Schlüsselbeins nach, lösten den obersten Knopf meiner Bluse, und jedes Mal hielt sie kurz inne, eine stumme Frage, die ich jedes Mal mit einem leisen Ja beantwortete. Die Augenbinde machte alles größer. Ihre Lippen, als sie sie endlich auf meinen Mund legte, kamen aus dem Nichts und waren weicher, als ich je gedacht hätte, dass ein Kuss sein könnte. Sie schmeckte nach dem bitteren Kaffee und nach etwas Süßem darunter.
Ich hörte mich seufzen, ein Laut, den ich nicht kannte.
„Atme mit mir”, sagte Juna gegen meine Lippen. „Das ist das Einzige, was ich dich wirklich lehren will. Tantra ist kein esoterischer Quatsch, es ist nur das — gemeinsam atmen, langsam werden, da bleiben, wo es sich gut anfühlt, statt sofort zum Ende zu hetzen.” Sie nahm meine Hand und legte sie flach auf ihren Brustkorb. „Ein, zwei, drei. Aus, zwei, drei. Spürst du?”
Ich spürte. Ihr Herz unter meiner Handfläche, der Hub ihres Atems, mein eigener, der sich nach ihrem ausrichtete, bis ich nicht mehr genau wusste, wo ihre Brust aufhörte und meine anfing. Etwas in meinem Becken wurde schwer und warm.
Sie löste mir die Bluse Knopf für Knopf, küsste jede Stelle, die frei wurde, das Tal zwischen meinen Brüsten, die weiche Wölbung darunter. Als sie die Augenbinde löste und ich sie wieder sehen konnte — kniend vor dem Hocker, das Haar zerzaust, die Augen dunkel — war das fast zu viel. „Ich will, dass du bei mir bist”, sagte sie. „Mit allem. Nicht weg in deinem Kopf. Hier.”