Der leere Raum riecht nach ihr
Es gibt einen Moment, kurz nachdem die Tür ins Schloss gefallen ist und bevor das Licht ausgeht, in dem ein Raum nach den Menschen riecht, die gerade gegangen sind. Juna hatte diesen Moment immer geliebt. Die anderen aus dem Labor hatten ihre Kittel über die Stuhllehnen geworfen, ihre Tassen stehen lassen, ihr Lachen mit hinaus auf die Straße genommen — und zurück blieb dieser dünne, ehrliche Schweif. Sillage nannte Liv das. Der Duftschweif, den ein Mensch hinter sich herzieht, ohne es zu wissen.
An diesem Abend roch das Atelier nur noch nach einer einzigen Person.
Juna stand zwischen den Regalen mit den hundert kleinen braunen Fläschchen und atmete, und egal wie sehr sie sich auf Bergamotte oder Iriswurzel oder den kühlen Alkohol in den Pipetten konzentrierte, darunter, ganz unten, lag immer dasselbe: warme Haut, ein Rest Zedernholz, etwas Salziges, das sie nicht in Worte fassen konnte, obwohl Worte ihr Beruf waren. Sie konnte jeden Akkord auseinandernehmen, den Liv ihr unter die Nase hielt. Diesen einen Duft konnte sie nicht. Sie konnte ihn nur einatmen und dann zu lange darin bleiben.
„Du gehst nicht?” Livs Stimme kam aus dem hinteren Teil des Ateliers, wo der große Arbeitstisch unter der Messinglampe stand. Sie hatte ihre Brille hochgeschoben und sah über die Schulter. Sechsunddreißig, das dunkle Haar mit den ersten grauen Fäden lose zusammengesteckt, die Ärmel der weißen Bluse umgeschlagen. „Es ist nach neun, Juna.”
„Ich wollte die Basis für die Nummer Sieben noch fertig riechen.” Eine Ausrede. Sie hatten die Nummer Sieben vor zwei Tagen abgeschlossen.
Liv wusste das. Das sah Juna an dem kleinen Zug um ihren Mund. In den Monaten, seit Juna hier als ihre Nase angefangen hatte — seit jenem ersten Nachmittag, an dem Liv ihr drei nummerierte Streifen hingelegt und gesagt hatte erzähl mir, was du riechst, und Juna alles richtig hatte —, war zwischen ihnen etwas gewachsen, das keiner von beiden benannte. Beim letzten Mal, vor zwei Wochen, hatte Liv ihr ein Handgelenk gehalten, um daran zu riechen, wie ein Moschus auf Junas Haut reifte, und hatte den Griff zwei Sekunden zu lang nicht gelöst. Zwei Sekunden, in denen Juna vergessen hatte zu atmen. Sie hatte zu Hause nicht geschlafen.
„Komm her”, sagte Liv jetzt. Nicht als Befehl. Als Einladung.
Was über der Haut liegt
Juna ging hin. Der Tisch war übersät mit Riechstreifen, mit der kleinen Waage, mit Livs Notizbuch in der unleserlichen Schrift. Liv drehte sich auf dem Hocker zu ihr, und plötzlich standen sie sehr nah, näher als die Arbeit es verlangte, und Juna roch sie ohne den Umweg über irgendein Fläschchen.
„Ich beobachte dich seit Wochen”, sagte Liv leise. „Wie du an dir selbst riechst, wenn du glaubst, niemand sieht es. Wie du rot wirst, wenn ich dich berühre.” Sie hob die Hand und strich Juna eine Haarsträhne hinters Ohr, langsam, und ihre Fingerspitzen blieben einen Moment an Junas Wange. „Ich möchte nichts tun, das du nicht willst. Also frage ich. Willst du das hier?”
Juna hatte mit Männern geschlafen. Sie wusste, wie das ging, das Drehbuch, die Reihenfolge. Was sie nicht wusste, war, warum ihr bei einer einfachen Frage von einer Frau die Knie weich wurden. Sie hatte nie eine Frau berührt. Sie hatte es sich nie zugestanden, es auch nur zu wollen.
„Ich habe das noch nie gemacht”, sagte sie. „Mit einer Frau, meine ich. Ich weiß nicht —”
„Du musst nichts wissen.” Liv lächelte, und es war nichts Herablassendes darin. „Heute musst du gar nichts. Wir machen das langsam. Kein BDSM, nichts Kompliziertes — ganz Vanille, nur du und ich und Zeit. Wir reden, während wir es tun. Wenn irgendwas zu viel ist, sagst du halt, und alles hört auf. Sofort. Das ist dein Wort. Verstanden? Konsens ist nicht ein Ja am Anfang, das ist die ganze Strecke.”
„Verstanden.” Junas Stimme war ein Faden.
„Sag mir, dass du es willst. In Worten. Ich brauche das von dir.”
„Ich will das.” Und kaum war es draußen, war es das Wahrste, was sie seit Monaten gesagt hatte. „Ich will dich. Schon lange.”
Liv zog sie zwischen ihre Knie und küsste sie, und es war nicht wie in Junas Vorstellung, in der sie sich das tausendmal heimlich ausgemalt hatte. Es war langsamer. Liv küsste, als hätte sie alle Zeit, als wäre Junas Mund etwas, das man nicht eilig haben durfte. Ihre Lippen waren weich, schmeckten schwach nach dem Tee von vorhin, und als Juna die Augen schloss, kam der Duft mit der Wucht zurück, die ihr seit Wochen den Schlaf nahm — diese warme Haut, das Salz, jetzt vermischt mit etwas Neuem, Dunklem, das nur entsteht, wenn ein Mensch erregt ist.
„Atme”, flüsterte Liv an ihrem Mund. „Nicht festhalten. Im Tantra atmest du in den Bauch, langsam, und du lässt es kommen. Atme mit mir.”
Sie legte Junas Hand flach auf ihren eigenen Brustkorb, unter die Bluse, auf die nackte Haut über dem Herzen, und atmete tief und hörbar, und Juna spürte das Heben und Senken und atmete mit. Ein-, zwei-, dreimal. Etwas in ihrer Brust, das die ganzen Monate eng gewesen war, wurde weit.
Kopfnote, Herznote
Sie zogen sich gegenseitig aus, und es dauerte. Liv knöpfte Junas Bluse auf, einen Knopf, dann ein Innehalten, ein Kuss auf das freigelegte Schlüsselbein, dann der nächste Knopf. Jedes Stück Stoff, das fiel, legte mehr Haut frei und damit mehr Duft, und Juna begriff zum ersten Mal in ihrem Leben, dass ein Mensch sich entkleiden ließ wie ein Parfüm sich öffnet: oben die flüchtige, helle Kopfnote — Livs Parfüm, Hals und Handgelenke, Zitrus und grüner Tee. Darunter, an der warmen Stelle zwischen den Brüsten, die Herznote, blumiger, runder, ihre eigentliche Haut. Und ganz unten, dort, wohin Juna sich erst noch vortasten musste, die Basisnote. Das, was bleibt. Das, was ein Mensch wirklich riecht, wenn alles Gemachte verflogen ist.
Sie lagen auf der breiten Récamiere unter dem Fenster, auf der Liv sonst ihre Kunden empfing. Junas Herz schlug bis in den Hals. Liv lag halb über ihr, stützte sich auf einen Ellbogen und sah sie einfach an.
„Du bist schön, wenn du nervös bist”, sagte sie. „Aber ich will, dass du nicht nervös bist. Ich will, dass du fühlst.” Ihre Hand wanderte über Junas Bauch, der unter der Berührung flatterte, tiefer, und blieb auf der Innenseite des Oberschenkels liegen, ohne weiterzugehen. „Darf ich?”
„Ja. Bitte.”
Liv berührte sie, und Juna hörte sich selbst einen Laut machen, den sie nicht kannte. Es war keine Eile in dieser Hand, kein Zielstrebiges. Liv erkundete sie, als hätte sie eine neue Substanz vor sich, deren Charakter sie verstehen wollte, bevor sie sie verarbeitete — leicht, kreisend, lesend. Und als Juna feuchter wurde und ihre Hüften anfingen, sich der Hand entgegenzuheben, lehnte Liv sich vor und sagte ihr ins Ohr, leise und deutlich und ein bisschen schmutzig: „Spürst du, wie nass du für mich wirst? Ich rieche dich. Das ist deine Basisnote, Juna, genau die. Nichts Aufgesetztes. Nur du.”
Dass diese ruhige, präzise Frau so reden konnte, traf Juna mitten hinein. Sie stöhnte und vergrub die Hand in Livs Haar.