Windstärke acht
Am dritten Tag im Hafen von Ærøskøbing hörte Jonas auf, so zu tun, als würde er Merles Hände nicht ansehen.
Draußen lief der Sturm seit sechzig Stunden gegen die Mole an. Der Wind pfiff in den Wanten der „Ilse“, eines Fischkutters von 1931, den Merle von Kiel nach Svendborg überführen sollte. Er heulte, wenn eine Böe durchkam, und das Wasser im Hafenbecken klatschte grau und kurz gegen den Rumpf. In der Kajüte bullerte der kleine Dieselofen. Es roch nach Teeröl, nassem Wollpullover und dem Kaffee, den Merle viel zu stark kochte.
Sie saß ihm gegenüber am Klapptisch und spleißte ein neues Auge in eine Festmacherleine. Mehr hatte sie nicht zu tun. Sie arbeitete ohne hinzusehen, während sie mit ihm redete: aufdrehen, Kardeele durchstecken, festziehen, wieder aufdrehen. Ihre Finger waren kräftig und rissig vom Salz, die Nägel kurz, über dem linken Daumen lief eine weiße Narbe. Jonas war sechsunddreißig und Kartograf, er saß sonst vor Bildschirmen und zeichnete Küstenlinien, die er nie betreten hatte. Er hatte sich über eine Mitsegler-Börse gemeldet, weil er einmal im Leben richtig segeln wollte. Mit Merle hatte er nicht gerechnet.
Sie war Anfang vierzig, groß, mit einem dunkelblonden Zopf, der ihr bis zwischen die Schulterblätter reichte. Sie redete wenig, aber wenn, dann trocken und direkt. Am ersten Tag hatte sie ihm den Palstek beigebracht und ihn so lange üben lassen, bis er ihn mit geschlossenen Augen konnte.
„Der König der Knoten“, hatte sie gesagt und dabei seine Hände geführt. „Zieht sich nicht zu, rutscht nicht. Und wenn du ihn lösen willst, geht er trotzdem auf, egal wie viel Last drauf war.“
Ihre Hände hatten kurz auf seinen gelegen, warm und rau. Seitdem dachte er an nichts anderes mehr.
„Du starrst“, sagte Merle jetzt, ohne aufzusehen.
Jonas spürte, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg. „Entschuldige.“
„Hab ich nicht verlangt.“ Sie zog den Spleiß mit einem Ruck fest und sah ihn endlich an, graue Augen, ruhig wie das Wasser hinter der Mole. „Ich will nur wissen, was du starrst. Den Knoten oder mich?“
Er hätte lügen können, aber der Sturm, die Enge und drei Tage Nähe auf neun Metern Holz hatten etwas in ihm weich gerieben.
„Die Hände“, sagte er. „Und das Seil. Was du damit machst.“ Er schluckte. „Ich stell mir vor, wie das wäre, wenn das um mich läge.“
Er wartete auf ein Lachen, auf Befremden, auf das höfliche Abkühlen, das er kannte. Merle legte die Leine auf den Tisch, ganz langsam, als wäre sie ein Tier, das man nicht erschrecken wollte.
„Gefesselt“, sagte sie. Es war keine Frage.
„Ja.“
„Hast du das schon mal gemacht?“
„Nur gedacht. Ziemlich oft.“
Ein Mundwinkel hob sich bei ihr, nur ein Stück. „Ich hab es schon gemacht. Nicht auf Booten, an Land. Ein paar Jahre lang, mit jemandem, der das sehr ernst genommen hat. Bondage ist kein Spielzeug, Jonas. Aber es ist auch nichts, wofür man sich schämen muss.“
Draußen krachte eine Böe gegen das Kajütdach. Die Lampe über dem Tisch schwang hin und her und ließ die Schatten wandern.
„Heißt das …“, setzte er an.
„Das heißt, wir reden zuerst.“ Sie stand auf, nahm die Kaffeekanne vom Ofen und goss ihnen beiden nach. „Und zwar richtig.“
Der Palstek
Sie redeten eine Stunde lang, und Jonas fand, dass es das Erotischste war, was er je erlebt hatte, obwohl sich keiner von ihnen auch nur berührte.
Merle fragte genau nach. Was er sich vorstellte und was nicht, wo er gern berührt wurde und wo gar nicht. Ob er Probleme mit Schultern oder Handgelenken hatte und ob ihm Dunkelheit Angst machte. Sie erklärte ihm den Ampelcode: Grün hieß weiter, Gelb hieß langsamer oder kurz Pause, Rot hieß sofort aufhören, Seile runter, ohne Diskussion.
„Und wenn du nicht reden kannst, weil du zu sehr außer Atem bist“, sagte sie, „dann drückst du zweimal meine Hand, oder du stampfst mit dem Fuß. Irgendwas, das ich merke. Kriegst du das hin?“
„Ja.“
„Sag es.“
„Grün weiter, Gelb langsamer, Rot Schluss. Zweimal drücken, wenn ich nicht reden kann.“
„Gut.“ Sie stützte das Kinn in die Hand. „Und das hier gilt in beide Richtungen. Wenn ich nicht mehr will, hör ich auf. Konsens ist nichts, was man einmal abhakt und dann vergisst. Den haben wir die ganze Zeit, oder eben nicht.“
Er nickte. Sein Herz schlug so heftig, dass er es in der Kehle spürte.
„Noch was“, sagte Merle leiser. „Ich will dir auch die Augen verbinden. Nicht gleich, später. Wenn du da bist.“
„Wo bin ich dann?“
Sie lächelte, und diesmal richtig. „Merkst du dann schon.“
Sie holte eine Rolle weiches Baumwolltauwerk aus der Backskiste, sechs Millimeter, ungeteert und hell. Kein Bootsseil, dachte Jonas, das hatte sie irgendwann für etwas anderes mitgebracht. Den Gedanken behielt er für sich. Sie prüfte die Leine durch die Finger, legte eine Bucht und hielt sie gegen das Licht.
„Zieh den Pullover aus“, sagte sie. „Das T-Shirt auch.“
Er gehorchte, und als die warme Luft vom Ofen seine nackte Haut traf, bekam er eine Gänsehaut. Merle blieb vor ihm stehen und sah ihn an, lange und ohne Eile. Sie musterte seinen Brustkorb, die Schultern und die feinen dunklen Haare, die unter dem Nabel im Hosenbund verschwanden.
„Hände nach vorn. Handgelenke zusammen, aber locker.“
Sie begann mit einer einfachen Doppelschlinge, zwei Wicklungen um beide Handgelenke, dann quer dazwischen, damit nichts einschnürte. Ihre Finger glitten dabei über die Innenseite seiner Unterarme, dort wo die Haut dünn war und die Adern blau durchschimmerten. Jonas holte zitternd Luft.
„Steck zwei Finger unter das Seil“, sagte sie. „Geht das?“
„Ja.“
„So muss es bleiben. Wenn es kribbelt oder taub wird, sagst du Gelb.“
Dann legte sie einen Palstek. Er sah zu, wie sie das kleine Auge formte, das Ende hindurchführte, um die stehende Part herum und zurück, den Knoten, den er mit geschlossenen Augen konnte, jetzt um seine eigenen Handgelenke. Etwas in seinem Bauch zog sich zusammen, heiß und tief.
„Der König der Knoten“, murmelte er.
„Für meinen Gast nur das Beste.“ Sie führte das lange Ende nach oben und über den Handlauf, der unter der Decke entlanglief, eine blank gegriffene Eichenstange, an der man sich bei Seegang festhielt. Sie zog an, bis seine Arme über dem Kopf waren, aber nicht gestreckt: Die Ellbogen blieben leicht gebeugt, und er stand fest auf beiden Füßen.
„Farbe?“
„Grün“, sagte er, und seine Stimme klang fremd. „Sehr grün.“
Grün
Merle ließ sich Zeit.
Zuerst berührte sie ihn gar nicht. Sie ging einmal um ihn herum, er hörte ihre Wollsocken auf den Bodenbrettern und spürte, wie ihr Blick über seinen Rücken wanderte. Das Boot hob und senkte sich in der Dünung, und weil seine Arme oben festgemacht waren, ging jede Bewegung des Rumpfes durch seinen ganzen Körper. Er schwankte leicht und fand seinen Stand wieder. Ihm wurde klar, dass er sich nicht mehr wehren, nicht mehr nach ihr greifen und nichts mehr verstecken konnte. Es fühlte sich nicht wie Ohnmacht an, sondern wie Erleichterung.
Dann lagen ihre Hände auf seinen Schulterblättern, flach und warm.
„Atme“, sagte sie hinter ihm. „Du hältst die Luft an.“
Er atmete aus. Ihre Hände wanderten seine Wirbelsäule hinunter, Wirbel um Wirbel, mit dem gleichen ruhigen Druck, mit dem sie eine Leine auf Schäden prüfte. Sie fuhr über die Rippen, in die Taille, an den Seiten wieder hinauf, die Achselhöhlen entlang, wo er kitzlig war und zusammenzuckte und das Seil leise am Handlauf knarzte.
„Kitzlig“, stellte sie fest, und er hörte das Grinsen in ihrer Stimme. „Merk ich mir.“
„Bitte nicht.“
„Heute nicht. Versprochen.“
Sie trat vor ihn und zog sich ihren eigenen Pullover über den Kopf. Darunter trug sie nichts. Jonas sah ihre Brüste, schwer und weich, mit großen, dunklen Höfen und Brustwarzen, die sich in der Kajütenluft zusammenzogen. Am Schlüsselbein entlang lief eine Sommersprossenspur, weiter unten zog sich ein Kaiserschnittbogen silbern über den Bauch. Er wollte sie anfassen, so sehr, dass seine Hände in den Schlingen zuckten.
„Ich weiß“, sagte Merle leise. „Genau darum geht’s.“
Sie trat ganz nah heran, bis ihre Brüste seine Brust streiften, Haut an Haut, und sie küsste ihn zum ersten Mal. Es war kein vorsichtiger Kuss, sondern ein tiefer und langsamer mit offenem Mund. Sie schmeckte nach Kaffee und Salz, und ihre Hand lag dabei flach in seinem Nacken, damit er nicht ausweichen konnte, auch wenn er gar nicht wollte. Als sie sich löste, keuchte er.
Dann zog sie ein schwarzes Halstuch aus der Hosentasche.
„Jetzt“, sagte sie. „Wenn du willst.“
„Ich will.“
Sie verband ihm die Augen, das Tuch doppelt gelegt und hinten verknotet, fest genug, dass kein Licht durchkam. Die Welt schrumpfte auf das zusammen, was er hören, riechen und fühlen konnte: das Fauchen des Sturms, das Knistern im Ofen, Holz und Teer, ihren Duft. Und dann, ganz nah an seinem Ohr, ihren Atem.
„Du bist schön so“, flüsterte sie. „Ich glaube, das hat dir noch keiner gesagt, oder? Wie schön du bist, wenn du stillhältst.“
Er konnte nicht antworten. Ihre Lippen wanderten seinen Hals hinunter, über das Schlüsselbein bis zu seiner Brustwarze, und sie saugte daran, erst sanft, dann mit den Zähnen, bis er stöhnte und die Hüfte nach vorn schob. Ihre Hand legte sich auf seinen Schritt, auf die Jeans, unter der er längst steinhart war.
„Na sieh mal einer an“, murmelte sie. „Da hat jemand richtig drauf gewartet.“
Sie öffnete Knopf und Reißverschluss und zog ihm Jeans und Shorts in einem Zug bis zu den Knöcheln hinunter. Er stieg blind heraus, sie hielt ihn dabei an der Hüfte fest, und dann stand er völlig nackt mit erhobenen Armen in der schaukelnden Kajüte, und sein Schwanz ragte ihr entgegen, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Es war das Verletzlichste, was er je zugelassen hatte, und ihm wurde fast schwindlig vor Erregung.
Als sie ihn umfasste, war ihre Hand warm und sicher. Sie strich ihn einmal ganz langsam von der Wurzel bis zur Spitze, und ihr Daumen glitt über die Eichel, wo schon die ersten Tropfen standen. Dann ließ sie los.
„Farbe?“
„Grün. Gott, Merle. Grün.“
„Gut. Dann bleib schön da.“
Er hörte, wie sie vor ihm auf die Knie ging. Er spürte ihren Atem an der Innenseite seines Oberschenkels, dann ihre Lippen und dann ihre Zunge, die über seine Hoden fuhr, nass und langsam, bis seine Knie weich wurden und er sich mit seinem ganzen Gewicht in die Seile hängte. Der Palstek hielt. Natürlich hielt er. Sie nahm ihn in den Mund, und Jonas hörte sich selbst etwas Unverständliches rufen, während der Sturm draußen alles verschluckte.
Sie trieb ihn nicht zum Ende. Immer wenn sein Atem zu flach wurde, wenn er die Hüften nicht mehr stillhalten konnte, zog sie sich zurück, legte ihm die flache Hand auf den Bauch und wartete, bis er wieder ruhiger atmete. Dann machte sie weiter. Er verlor das Gefühl für die Zeit und für alles außer ihrem Mund und ihren Händen.
„Ich will dich schmecken“, brachte er irgendwann heraus. „Bitte. Ich will dich auch.“
Merle stand auf. Er hörte, wie ihr Reißverschluss aufging und Stoff zu Boden fiel. Dann löste sie das lange Ende vom Handlauf, nicht den Knoten um seine Handgelenke, nur die Verbindung nach oben. Seine Arme sanken herab, noch immer gebunden, und sie führte ihn an dem Seil wie an einer Leine durch die Kajüte, zwei Schritte nach vorn zur Koje im Vorschiff.
„Knie dich hin. Vorsicht, Kante.“
Er fand die Matratze, sie roch nach ihr. Merle setzte sich vor ihn, er hörte das Rascheln der Decke, dann zog sie am Seil, sanft, aber bestimmt, bis seine gefesselten Hände auf ihrem Bauch lagen und sein Gesicht zwischen ihren Schenkeln.
„Ohne Augen“, sagte sie, und ihre Stimme war jetzt rauer. „Find mich.“
Er fand sie. Erst die weiche Haut innen an ihren Schenkeln, dann krauses Haar und dann ihre Wärme, ihren Duft, salzig und schwer. Er küsste sie dort, wie sie ihn vorhin auf den Mund geküsst hatte, offen, tief und ohne Eile. Sie war nass, so nass, dass ihm das Kinn glänzte. Merle stöhnte zum ersten Mal laut, ein tiefer, rückhaltloser Laut, und ihre Hand griff in sein Haar.
Er hatte Cunnilingus immer gemocht, aber blind und gebunden war es etwas völlig anderes. Er musste sich ganz auf seine Zunge verlassen, auf jedes Zucken ihrer Schenkel, auf ihren Atem und auf ihre Hand in seinem Haar, die ihn lenkte: höher, langsamer, genau da. Er fand ihre Klitoris und umkreiste sie, flach und weich, dann schneller, und als sie „nicht aufhören“ keuchte, hörte er nicht auf. Er spürte, wie sie sich unter seinen gebundenen Händen anspannte, ihr Bauch hart wurde und die Schenkel um seinen Kopf zitterten. Dann kam sie mit einem langen, brechenden Schrei, und das Boot ruckte im selben Moment an den Festmachern, als hätte die Ostsee mitgemacht.
Er blieb bei ihr, ganz sanft, bis sie seine Haare losließ und lachte, atemlos und überrascht.
„Verdammt“, sagte sie. „Du lernst wirklich schnell.“
Stillwasser
Sie zog ihn zu sich hoch. Seine Hände waren noch gefesselt und lagen jetzt über ihrem Kopf auf dem Kissen, so dass er auf seine Unterarme gestützt über ihr kniete. Mit einer Hand griff sie zwischen ihre Körper, mit der anderen holte sie ein Kondom aus der Ablage über der Koje. Er hörte das Knistern der Verpackung und spürte ihre Finger, die es ihm überrollten, geschickt wie beim Spleißen.
„Langsam“, sagte sie. „Ich will jeden Zentimeter.“
Er drang in sie ein, blind, und es war, als würde er in warmes Wasser sinken. Sie war eng und noch zuckend von ihrem Höhepunkt. Sie schlang die Beine um seine Hüften und zog ihn tiefer, bis er ganz in ihr war und keiner von beiden sich rührte.
„Sag mir eine Farbe“, flüsterte sie an seinem Mund.
„Grün“, sagte er. „Alles grün.“
Sie bewegten sich mit dem Boot. Das war das Seltsamste und Schönste daran: Die Dünung hob den Rumpf und ließ ihn wieder fallen, und sie fanden diesen Rhythmus, ohne ihn zu suchen. Er stieß langsam und tief zu, sie kam ihm mit dem Becken entgegen. Sie schob ihre Hand zwischen sich, rieb sich selbst, und er spürte das Flattern ihrer Finger an seinem Bauch. Ihr Atem wurde wieder schneller.
„Fester“, sagte sie. „Jetzt. Fick mich richtig.“
Die Worte jagten ihm durch den Körper. Er stieß härter zu, die Koje knarrte, das Seil um seine Handgelenke spannte sich gegen das Kissen, und er hätte nicht sagen können, ob er sie nahm oder sie ihn. Es war ihm egal. Ihre Fingernägel gruben sich in seinen Rücken, er hörte sie keuchen und fluchen und seinen Namen sagen. Als sie zum zweiten Mal kam, diesmal leiser und tiefer, zog sie sich so heftig um ihn zusammen, dass er nicht mehr konnte. Es kam aus ihm heraus wie eine Welle, die zu lange vor der Küste gestanden hatte, und er presste sein Gesicht in ihre Halsbeuge und stöhnte gegen ihre Haut, bis nichts mehr übrig war.
Lange lagen sie einfach da. Der Ofen tickte, der Wind zog an den Wanten.
Dann spürte er ihre Finger am Hinterkopf. Sie löste das Tuch, und gelbes Lampenlicht fiel ihm in die Augen. Er blinzelte und sah ihr Gesicht direkt über sich, gerötet und weich, mit Haarsträhnen, die aus dem Zopf gerutscht waren.
„Hey“, sagte sie. „Da bist du ja wieder.“
„Hey.“
Sie setzte sich auf und nahm seine gefesselten Hände in ihren Schoß. Den Palstek löste sie mit zwei Handgriffen, das Auge brechen, die Part zurückschieben, genau wie sie es versprochen hatte: Egal wie viel Last drauf war, er ging auf. Dann wickelte sie das Seil ab, Windung für Windung, und rieb ihm die Handgelenke mit den Daumen, wo die Baumwolle feine rote Muster hinterlassen hatte.
„Taub? Kribbelt was?“
„Nein. Nur …“ Er suchte nach dem Wort. „Nur leer. Im guten Sinn.“
„Das ist normal. Nach so was kommt man manchmal ein bisschen hart runter. Darum machen wir das hier.“ Sie zog die Wolldecke über sie beide, holte eine Wasserflasche aus der Ablage und hielt sie ihm hin, bis er getrunken hatte. Dann brach sie einen Riegel Marabou-Schokolade in zwei Hälften und schob ihm eine in den Mund. „Aftercare“, sagte sie. „Gehört dazu, genauso wie der Knoten. Nicht verhandelbar.“
Er lachte leise und kaute. Sie legte sich hinter ihn, den Arm um seine Brust, die Nase in seinem Nacken, und er spürte ihren Herzschlag an seinem Rücken, der langsam ruhiger wurde.
„Wie war’s?“, fragte sie nach einer Weile. „Ehrlich. Was war gut, was war zu viel?“
Er dachte nach. „Die Augenbinde war am besten. Und dass du gefragt hast. Jedes Mal.“ Er drehte den Kopf nach hinten. „Und dass du mich schön genannt hast.“
„Du warst schön.“
„Und du?“
Sie schwieg einen Moment. „Ich hab das lange nicht gemacht“, sagte sie dann. „Ich hab vergessen, wie gern ich das mag. Jemandem das Seil umzulegen, der mir so vertraut.“ Ihre Hand strich über seine Brust. „Danke dafür.“
Draußen ließ der Wind gegen Morgen langsam nach. Jonas merkte es daran, dass das Pfeifen in den Wanten tiefer wurde und das Schlagen am Rumpf weicher. Gegen fünf war es fast still. Nur die Leinen knarzten noch an den Pollern und hielten die „Ilse“ an ihrem Platz.
„Morgen können wir auslaufen“, murmelte Merle, schon halb im Schlaf. „Svendborg. Zwei Tage, wenn der Wind passt.“
„Zwei Tage“, wiederholte er.
„Mhm.“ Sie zog ihn enger an sich. „Und abends ankern wir in einer Bucht. Und du legst mir mal einen Palstek. Mal sehen, ob du ihn wirklich blind kannst.“
Jonas lächelte in das dämmrige Vorschiff hinein, in dem es nach Teer, Salz und ihnen beiden roch.
„Grün“, sagte er.