Die erste Messung
Sie kam an einem Dienstag im Oktober, kurz vor Ladenschluss, und das Erste, was sie sagte, war: „Ich stehe jeden Abend drei Stunden auf einem Podest, und um elf spüre ich meine Füße nicht mehr. Können Sie das reparieren?“
Jakob Wendl sah von der Werkbank auf. Die Frau in der Tür trug einen langen grauen Mantel, die Haare streng nach hinten gebunden, und sie hatte diese Haltung, die man nur von Leuten kennt, die es gewohnt sind, dass ein ganzer Raum still wird, sobald sie die Hand heben.
„Reparieren nicht“, sagte er. „Aber ich kann Ihnen Schuhe machen, mit denen Sie es nicht mehr müssen.“
Ilka Brandt war Dirigentin, seit dieser Saison an der Volksoper. Das erzählte sie ihm, während sie den Mantel aufhängte und sich auf den alten Lederstuhl setzte, auf dem schon Generationen von Wiener Füßen vermessen worden waren. Er kniete sich vor sie hin, so wie er es tausendmal getan hatte, und bat sie, die Schuhe auszuziehen.
Sie tat es ohne Umstände. Schwarze Pumps, zu schmal, an der Ferse abgelaufen. Darunter: hautfarbene Strümpfe, die sie mit einem knappen „Moment“ ebenfalls abstreifte, die Beine eines nach dem anderen kurz angehoben.
Jakob hatte mit den Jahren gelernt, wo er hinsieht. Er war einundvierzig, seit siebzehn Jahren in diesem Handwerk, und er hatte sein Geheimnis gut eingerichtet, irgendwo zwischen Professionalität und Disziplin. Das Maßband, das Papier, der Stift, sachlich, ruhig. Niemand hatte je etwas gemerkt.
Aber dann stellte sie den rechten Fuß auf das Messblatt, und er musste einmal tief durchatmen.
Es war ein schmaler Fuß mit hohem Rist, die Zehen lang und gerade, der zweite ein wenig länger als der große. Über dem Knöchel lief eine feine blaue Ader. An der Außenseite, wo der Pumps gedrückt hatte, war die Haut gerötet. Sie roch nach Leder und warmem Strumpf, nach einem langen Tag und ganz leise nach einer Seife mit Lavendel.
Er führte den Stift um ihren Fuß herum, langsam, so wie immer. Nur dass seine Hand diesmal ein bisschen zu lange an ihrer Ferse liegen blieb.
„Sie sind gründlich“, sagte sie.
„Die Ferse ist das Wichtigste. Wenn die nicht sitzt, sitzt nichts.“
Er nahm das Maßband, legte es um den Ballen, um den Rist und um das Gelenk. Dabei spürte er ihren Puls unter dem Daumen, und dass sie ihn beobachtete. Als er aufsah, begegnete er einem Blick, der weder verlegen noch spöttisch war, nur aufmerksam, so wie man vielleicht einer Bratsche zuhört, die einen Hauch zu früh einsetzt.
„In drei Wochen die erste Anprobe“, sagte er und stand auf, etwas zu schnell.
„In drei Wochen“, sagte sie und zog die Strümpfe wieder an, ohne den Blick von ihm zu nehmen.
Die Frage
Die drei Wochen verbrachte er mit ihren Leisten. Er schnitzte sie aus Buche, schliff mit der Raspel und dann mit dem Glaspapier, bis das Holz die Form ihres Fußes hatte, den hohen Rist, die schmale Ferse, die kleine Ausbuchtung am Ballen. Abends, wenn die Werkstatt leer war, nahm er einen davon in die Hände und hielt ihn einfach. Er schämte sich ein wenig dafür und tat es trotzdem.
Der Fetisch war nicht neu. Er hatte ihn mit sechzehn bemerkt, ihn mit zwanzig verflucht und mit dreißig in eine Schachtel gepackt, auf der „privat“ stand. Zwei Beziehungen hatte er gehabt, beide liebevoll, beide Vanilla bis zum Schluss, weil er nie den Mut gefunden hatte, die Schachtel aufzumachen. Dass er Schuhmacher geworden war, fanden seine Freunde romantisch. Er fand es manchmal einfach ehrlich.
Zur ersten Anprobe kam Ilka in Jeans und Sneakern, die Haare offen. Sie wirkte jünger und gelöster als beim ersten Mal. Er hatte einen Probeschuh aus durchsichtigem Kunststoff vorbereitet, damit er sehen konnte, wo der Fuß Platz brauchte.
„Sieht aus wie Aschenputtel“, sagte sie.
„Aschenputtel hatte Glasschuhe. Die hätten keine drei Akte durchgehalten.“
Sie lachte. Er kniete sich hin, schob ihr den Probeschuh über den nackten Fuß und tastete mit den Fingern durch das Material nach Druckstellen. Dann bat er sie aufzustehen, ein paar Schritte zu gehen und sich auf die Zehenspitzen zu stellen, so als würde sie in einem Fortissimo nach vorne gehen.
Sie machte es und blieb vor ihm stehen. Er kniete noch immer.
„Darf ich Sie etwas fragen, Herr Wendl?“
„Natürlich.“
„Gefallen Ihnen meine Füße? Oder Füße generell?“
Er hätte lügen können. Er hätte lachen und „Berufskrankheit“ sagen können, und die Sache wäre erledigt gewesen. Stattdessen merkte er, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg, und er sagte nichts, was ja auch eine Antwort war.
„Ich frage nicht, um Sie in Verlegenheit zu bringen“, sagte sie und setzte sich wieder hin. „Mir ist das beim ersten Termin aufgefallen. Wie Sie die Ferse gehalten haben. Und mir ist aufgefallen, dass es mir gefallen hat.“
Er hob den Kopf. „Generell“, sagte er schließlich. „Aber Ihre ganz besonders.“
„Das ist ein Fetisch.“
„Ja.“
„Haben Sie das schon mal jemandem gesagt?“
„Gerade eben. Zum ersten Mal.“
Sie sah ihn lange an. Dann zog sie den Probeschuh aus, sehr langsam, und legte ihren nackten Fuß auf sein Knie.
„Ich will Ihnen ehrlich sagen, wo ich stehe“, sagte sie. „Ich weiß nicht, ob mich Füße anmachen. Ich weiß aber, dass es mich anmacht, wenn mich jemand so ansieht wie Sie. Als wäre ich etwas, das man sehr sorgfältig behandeln muss.“ Sie zögerte. „Ich arbeite den ganzen Tag damit, dass hundert Leute auf meine Hände schauen und tun, was ich will. Ich glaube, mir würde gefallen, wenn es einmal einem Menschen um etwas anderes an mir geht.“
„Was schlagen Sie vor?“
„Regeln.“ Ihr Mundwinkel zuckte. „Ich bin Dirigentin. Ich mag Regeln.“
Sie handelten sie dort aus, auf dem alten Lederstuhl, ganz sachlich, wie einen Vertrag. Es war das ehrlichste Gespräch, das Jakob seit Jahren geführt hatte. Er sagte ihr, was er sich wünschte, und es auszusprechen tat fast weh: berühren, küssen, ihre Füße an seinem Körper spüren, überall. Sie sagte ihm, was sie nicht wollte: dass es nur darum ging. Dass sie Gegenstand war statt Gegenüber. Und sie sagte, wenn ihr etwas zu viel würde, würde sie es sagen, und er solle dann sofort aufhören, ohne beleidigt zu sein.
„Konsens heißt bei mir nicht, dass ich einmal Ja sage“, sagte sie. „Sondern dass ich jederzeit Nein sagen darf.“
„Das gilt auch für mich.“
„Gut.“ Sie stand auf und zog die Sneaker an. „Der Premierenabend ist in zwei Wochen. Schaffen Sie die Schuhe bis dahin?“
„Ich schaffe sie.“
„Dann komme ich danach vorbei. Und hole sie ab.“
Nach dem letzten Akt
Am Premierenabend saß er im dritten Rang, und sie hatte keine Ahnung davon. Gegeben wurde „Die lustige Witwe“, und er verstand nicht viel von Operette, aber er verstand, was er sah: eine Frau in einem schwarzen Hosenanzug, die mit dem ganzen Körper arbeitete. Sie federte in den Knien und kam bei jedem Einsatz auf die Ballen. Er sah ihr drei Stunden lang zu und dachte an nichts anderes als ihre Füße in den viel zu engen Pumps.
Um halb zwölf klopfte es an die Werkstatttür. Er hatte nur die Lampe über der Werkbank angelassen. Die fertigen Schuhe standen dort auf einem Tuch, dunkelrotes Kalbsleder, ein schmaler Absatz von fünf Zentimetern, Fersenkappe und Brandsohle von Hand gearbeitet. Siebenundvierzig Stunden Arbeit.
Ilka war noch im Konzertanzug. Ihr Gesicht glühte, und ihre Augen waren zu hell.
„Wir haben fünf Vorhänge gehabt“, sagte sie, kaum dass sie drin war. „Fünf. Und ich spüre meine Füße nicht mehr.“
„Setz dich“, sagte er. Das Du war einfach passiert.
Sie setzte sich auf den Lederstuhl. Er kniete sich vor sie, und diesmal tat er nicht so, als wäre er ruhig. Er zog ihr die Pumps aus, einen nach dem anderen, und stellte sie beiseite wie etwas, das man nie wieder braucht. Ihre Füße waren heiß und an den Zehen gerötet, die Strümpfe im Ballen feucht.
„Die Strümpfe auch?“, fragte er.
„Ja.“
Er griff unter den Saum ihrer Hose, fand den Abschluss des halterlosen Strumpfes am Oberschenkel und rollte ihn langsam über Knie, Wade und Knöchel ab. Sie hielt den Atem an, und er hörte es. Beim zweiten Bein bog sie sich ihm schon ein wenig entgegen.
Dann nahm er ihren rechten Fuß in beide Hände.
Er hatte das in Gedanken so oft getan, dass die Wirklichkeit ihn fast überwältigte. Die Haut war weich an der Fußsohle und rauer am Ballen. Er legte die Daumen in die Mitte der Sohle und drückte, erst sacht, dann fester, und strich in langen Zügen von der Ferse bis zu den Zehen. Ilka stöhnte auf, laut und überrascht, kein bisschen dirigentinnenhaft.
„Oh Gott. Hör nicht auf.“
Er hörte nicht auf. Er knetete jeden Zeh einzeln, zog behutsam an ihm und fuhr mit dem Finger in die Zwischenräume. Er massierte die Sehne über der Ferse, bis sie sich unter seinen Händen löste. Sie hatte den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen.
Als er den Kopf senkte und die Lippen auf ihren Rist legte, öffnete sie die Augen wieder.
„Ist das okay?“, fragte er.
„Mach weiter“, sagte sie. „Ich will sehen, was du daran findest.“
Er küsste ihren Fuß, so wie er seit Jahren keinen Menschen geküsst hatte. Er küsste den Knöchel und die blaue Ader, die er seit drei Wochen im Kopf hatte, und die Rundung der Ferse. Er schmeckte Salz und Leder und eine Spur Lavendel. Dann nahm er ihren großen Zeh zwischen die Lippen und saugte daran, langsam, mit der Zunge an der Unterseite.
Ilka machte ein Geräusch, das er nie vergessen würde.
„Das ist …“, begann sie und brach ab. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. „Okay. Das ist eindeutig mehr, als ich erwartet habe.“
Er sah zu ihr hoch, ihren Fuß noch an seinem Mund. Ihre Wangen waren gerötet, die Lippen offen, und mit einer Hand hatte sie die Lehne gepackt.
„Zu viel?“
„Nein.“ Sie schluckte. „Gar nicht zu viel.“
Mit der freien Hand knöpfte sie die Anzugjacke auf. Darunter trug sie ein schwarzes Seidentop, und ihre Brustwarzen zeichneten sich darunter ab. Sie zog den anderen Fuß hoch und legte ihn auf seine Brust, direkt aufs Hemd, und schob ihn langsam abwärts, über Bauch und Gürtel, bis sie fand, was sie suchte.
Jakob schloss die Augen. Ihre Sohle presste sich durch die Hose an ihn, und der Druck war genau richtig, fast zu viel. Sie bewegte den Fuß, erst probeweise, dann mit mehr Absicht, und rieb ihn mit dem Ballen auf und ab.
„So?“, fragte sie leise.
„Genau so“, presste er hervor.
„Das gefällt mir“, sagte sie und klang ein bisschen erstaunt über sich selbst. „Dass ich dich damit so fertigmachen kann.“