Zweiundzwanzig Uhr vierzig
„Enger“, sagte er.
Ilka hatte die Schnüre schon um beide Fäuste gewickelt, den Fuß gegen die Kante des Podests gestemmt, so wie man es ihr vor zwanzig Jahren in der Lehre beigebracht hatte. Durch die Seide spürte sie, wie sich sein Rücken unter dem Zug spannte und dann nachgab.
„Ruben, die Schnürung schließt jetzt schon fast. Noch enger, und du kriegst das hohe A morgen nicht mehr raus.“
„Doch.“ Er sah sie im Spiegel an, über die Schulter, mit diesem schiefen Lächeln, das die Sopranistinnen im Haus seit Wochen um den Verstand brachte. „Gerade dann. Vertrau mir.“
Die Gewandmeisterei lag im vierten Stock des Opernhauses, unterm Dach, wo es nach Dampfbügeleisen, Stärke und altem Holz roch. Um diese Zeit waren alle längst gegangen. Die Schneiderpuppen standen in Reihen wie ein stummes Publikum, und nur über dem großen Zuschnitttisch brannte noch eine Lampe. Morgen war Premiere: Die Zauberin von Ithaka, eine wiederentdeckte Barockoper, in der die Titelrolle für einen Kastraten geschrieben worden war. Heute sang sie Ruben Asmus, achtunddreißig, Countertenor, eine Stimme wie Honig über Glas.
Und er sang sie im Corsett.
Ilka hatte es selbst gebaut. Sechs Wochen Arbeit: gelber Seidendamast, Fischbein-Ersatz aus Federstahl, zweiundvierzig handgestochene Ösen, auf die Taille gestickte Rankenmuster in Goldfaden. Es war das schönste Stück, das sie je gemacht hatte, und an ihm sah es aus, als wäre es gar kein Kostüm, sondern ein Geständnis.
Sie zog. Langsam, gleichmäßig, von der Mitte aus nach oben und unten, so wie man ein Corsett schnürt, wenn man es ernst meint. Ruben atmete aus, lang und hörbar, und sie sah im Spiegel, wie sein Mund sich dabei leicht öffnete.
„Geht’s?“
„Es ist …“ Er legte die Hände auf die Taille, dorthin, wo der Stahl ihn jetzt fest umschloss. „Es fühlt sich an, als würde mich jemand halten. Die ganze Zeit. Auch wenn keiner da ist.“
Ilka verknotete die Schnüre nicht. Sie hielt sie einfach in den Fäusten, und mit ihnen hielt sie ihn.
Was die Enge mit einem macht
„Sag mal“, fragte sie leise, „machst du das wegen der Rolle? Oder wegen dir?“
Er schwieg lange genug, dass die Frage im Raum stehen blieb. Draußen auf dem Flur klackerte die Heizung.
„Bei der ersten Anprobe“, sagte er schließlich, „bin ich danach nach Hause gefahren und konnte nicht schlafen. Ich lag da und hab immer noch den Druck gespürt. Hier.“ Seine Finger strichen über die Stickerei. „Und ich dachte, dass mich seit Jahren niemand mehr so fest angefasst hat.“
Ilka spürte, wie ihr die Wärme in den Hals stieg. Sie war zweiundvierzig, seit drei Jahren geschieden, und ihr Leben bestand zu großen Teilen aus Maßbändern und Menschen, die vor ihr standen, während sie an ihnen herumzupfte. Sie fasste ständig Körper an. Es bedeutete nie etwas.
Jetzt bedeutete es etwas.
„Und heute?“, fragte sie.
Er drehte sich nicht um. Er sah sie nur im Spiegel an, und sie folgte seinem Blick nach unten, zur dunklen Probenhose unter dem goldenen Damast, und sah, was sie längst gespürt hatte: dass ihm die Enge nicht nur im Brustkorb saß.
„Heute“, sagte er sehr ruhig, „würde ich gern wissen, ob es dir auch gefällt, mich so zu halten. Und wenn nicht, sagst du’s, ich zieh das Ding aus, wir trinken einen Tee und tun so, als wäre nichts gewesen. Ehrlich, beides ist in Ordnung.“
Ilka lachte, kurz und überrascht. Sie hatte in ihrem Leben viele Männer erlebt, die ihr Begehren wie eine Rechnung über den Tisch schoben. Keiner hatte ihr je eine Tür so offen gehalten, dass sie auch hätte gehen können.
Sie wickelte die Schnüre eine Runde enger um die Hand und zog. Nur ein bisschen.
Er stöhnte. Leise, aber unverkennbar.
„Das“, sagte sie, und ihre Stimme klang fremd und tief, „ist meine Antwort.“
Die Zauberin und ihre Schneiderin
Sie knotete die Schnüre zur Schleife, wie für die Bühne. Dann trat sie vor ihn, zum ersten Mal an diesem Abend von vorn, und betrachtete ihn wie eines ihrer Werke. Die Schultern breit, die Brust flach unter der gestickten Seide, die Taille so schmal geschnürt, dass sich seine Hüften darunter beinahe weiblich rundeten. Bartschatten am Kinn. Die Augen dunkel.
„Weißt du, was das Schönste an dir ist?“, fragte sie. „Dass du in dem Ding nicht wie eine Frau aussiehst. Auch nicht wie ein Mann. Du siehst aus wie eine Zauberin.“
„Ist das gut?“
„Das ist fantastisch.“
Sie legte die Hände an seine Taille, auf den Stahl, und spürte darunter seinen Atem, flach und schnell, eingesperrt. Sie strich höher, über die Rippen, wo das Corsett ihn hob, und dann wieder hinab, über den Damast bis zum Bund seiner Hose. Sie ließ die Hand dort liegen, nicht tiefer, und wartete.
„Ja“, sagte er. „Bitte.“
Ilka öffnete den Knopf. Sie war nicht schüchtern, das war sie nie gewesen, nur lange nicht gefragt worden. Als sie ihn umfasste, war er hart und heiß, und er stieß den Atem aus, so weit das Corsett es ihm erlaubte. Das Geräusch ging ihr durch und durch, ein Stöhnen, das oben gegen die Enge stieß und sich in der Kehle brach.
„Du kannst nicht richtig atmen“, flüsterte sie und bewegte die Hand langsam, ganz langsam. „Du musst dir jeden Laut einteilen. Das gefällt dir, oder?“
„Gott, ja.“
„Dann teil ihn dir ein.“
Es war ein Spiel, das sich wie von allein ergab: Sie strich fester, er musste sich zusammenreißen. Sie wurde langsamer, er seufzte ihr entgegen. Sie sah, wie er die Hände an die Kante des Zuschnitttischs krallte, wie die Goldstickerei im Lampenlicht zuckte, und sie dachte, dass sie in zwanzig Berufsjahren nie ein Kostüm so lebendig gesehen hatte. Seine Spitze war nass, sie verteilte die Feuchtigkeit mit dem Daumen, und er flüsterte etwas, das klang wie ihr Name, nur zerbrochener.
„Nicht so“, keuchte er schließlich und fing ihr Handgelenk ein, sanft. „Nicht, ich will … ich will nicht allein.“
Sie hielt still. „Was willst du?“
Er sah zur Kleiderstange an der Wand. Dort hing, in Schutzhülle, das zweite Corsett der Produktion, schwarz, für die Rolle der Penelope. Die Sängerin hatte fast Ilkas Maße, in der Werkstatt hatten sie darüber gewitzelt.
„Ich will dich auch so sehen“, sagte er. „Wenn du magst. Ich will einmal derjenige sein, der zieht.“
Zweiundvierzig Ösen
Sie zog sich vor ihm aus. Nicht verführerisch, sondern so, wie sie es konnte: praktisch, ein bisschen verlegen, den Pullover über den Kopf, die Jeans auf den Boden, den BH über die Stuhllehne. Sie hatte einen weichen Bauch und Hüften, über die sie sich mit zwanzig noch geärgert hatte. Er sah sie an, als stünde vor ihm etwas Kostbares, das er sich erst verdienen musste.
Das schwarze Corsett legte sie selbst an, die Busk vorn mit geübten Fingern geschlossen. Dann drehte sie sich um und hielt sich an der Tischkante fest.
„Fang unten an“, sagte sie. „Gleichmäßig. Wenn ich ‚Stopp‘ sage, hörst du auf.“
„Wenn du ‚Stopp‘ sagst, hör ich auf“, wiederholte er, und es klang wie ein Versprechen.
Seine Hände waren unsicher, dann wurden sie ruhiger. Sie spürte jedes Ziehen als Welle durch den Körper laufen. Erst der Druck auf der Hüfte, dann auf der Taille, der Brustkorb, der sich anpassen musste, der Atem, der höher rutschte, in die Brust, an den Hals. Ihre Brüste wurden nach oben geschoben, ihre Haut wurde empfindlich, als hätte jemand die Lautstärke ihres Körpers aufgedreht.
„Mehr“, hörte sie sich sagen.
Er zog. Sie stöhnte, und jetzt war es ihr Laut, der an der Enge zerbrach.
„Jetzt weißt du’s“, sagte er an ihrem Ohr. Sein Atem war heiß. „Jetzt weißt du, wie es ist, wenn man gehalten wird.“
Er knotete sie nicht. Er wickelte die Schnüre um seine Faust, so wie sie es vorhin getan hatte, und mit der anderen Hand strich er ihr über den Bauch abwärts, unter das schwarze Satin, zwischen die Beine. Sie war so nass, dass sie sich fast schämte, aber er murmelte nur: „Oh, Ilka. Du hast das die ganze Zeit gewollt.“
„Halt den Mund“, sagte sie und meinte: Hör nie auf.
Ab da redeten sie anders. Wie Menschen eben reden, wenn sie zum ersten Mal miteinander schlafen: Fragen und Antworten, aber auch Dirty Talk, unbeholfen erst, dann immer freier. Er sagte ihr, wie heiß sie sich anfühle. Sie sagte ihm, dass er sie bitte, verdammt noch mal, ficken solle. Sie lachten beide, weil das Wort in dieser Werkstatt voller Rüschen und Spitze so derb klang, und dann lachten sie nicht mehr.
Er drehte sie um und hob sie auf den Zuschnitttisch, mitten auf einen Ballen cremefarbenen Musselin, den morgen früh niemand mehr brauchen würde. Sie lehnte sich zurück auf die Ellbogen. Das Corsett hielt sie aufrecht, und ihre Brüste lagen hoch und weiß über dem schwarzen Rand. Er beugte sich darüber und nahm eine Brustwarze in den Mund, saugte, biss sanft hinein, und gleichzeitig glitten zwei Finger in sie, langsam, suchend, bis sie die Stelle fanden, an der sie die Zehen krümmte.
„Da“, keuchte sie. „Genau da.“
Er wusste, was er tat. Sie musste nicht erklären, was ein G-Punkt war, er fand ihn und blieb dort, mit kleinen, drängenden Bewegungen, während sein Daumen außen kreiste. Der Druck des Corsetts machte alles enger, auch das Gefühl, das sich in ihr aufbaute. Sie konnte es nicht wegatmen. Sie konnte es nirgendwohin schicken. Es staute sich in ihrem Bauch, in der Wärme zwischen ihren Schenkeln, bis sie das Gefühl hatte, gleich zu platzen wie eine Naht unter zu viel Spannung.
„Ruben, ich … warte, ich glaub, ich …“
„Lass es raus.“ Seine Stimme war sanft und unnachgiebig zugleich. „Lass einfach los. Ich hab dich.“
Sie ließ los.
Es war, als würde etwas in ihr reißen und gleichzeitig heil werden. Sie kam mit einem Schrei, der von den Dachbalken zurückhallte, und spürte, wie es aus ihr herausströmte, warm und unaufhaltsam, über seine Hand, auf den Musselin, auf den Boden. Squirting, das kannte sie aus Artikeln, die sie nachts mit hochgezogenen Brauen gelesen hatte. Sie hatte nie geglaubt, dass ihr Körper so etwas konnte. Sie zitterte, sie lachte, sie hätte fast geweint.
„Oh Gott, der Stoff“, brachte sie heraus.
„Den hat die Zauberin verhext“, sagte er, und sie lachte so heftig, dass das Corsett sie in die Rippen zwickte.
Dann zog sie ihn an seinem goldenen Damast zu sich heran. Er stand zwischen ihren Beinen, in seinem Corsett, sie lag in ihrem, zwei geschnürte Körper, die sich kaum biegen konnten, und genau das war das Schöne daran. Sie konnten sich nicht wild aufeinanderwerfen. Sie mussten sich ineinander fügen.
Er drang langsam in sie ein. Sie spürte jeden Zentimeter, so geschwollen und empfindlich war sie noch. Er hielt still, als er ganz in ihr war, und sie sahen sich an, keuchend, rot im Gesicht, mit flachem Atem wie zwei Läufer am Ende einer Strecke.
„Okay?“, fragte er.
„Mehr als okay. Beweg dich.“
Er bewegte sich. Gleichmäßig, tief. Seine Hände lagen auf ihrer geschnürten Taille, als hielte er ein Musikinstrument. Sie schlang die Beine um seine Hüfte, griff nach seinen Schnüren und zog die Schleife auf seinem Rücken mit einem Ruck auf. Die Enge ließ nach. Er schnappte nach Luft, und der erste tiefe Atemzug ging in ein Stöhnen über, das sie bis in den Bauch spürte.
„Du Hexe“, keuchte er.
„Schneiderin“, korrigierte sie. „Ich weiß, wo die Nähte sind.“
Sie spielte damit, zog die Schnüre wieder an, ließ sie wieder los, im Takt seiner Stöße, bis sein Rhythmus brüchig wurde. Sie spürte, wie ein zweiter Höhepunkt in ihr anwuchs, kleiner und dunkler als der erste, und als er sich mit ihrem Namen auf den Lippen in ihr ergoss, hart und zuckend, kam sie mit ihm, einfach so, ohne Anlauf.
Danach lagen sie halb auf dem Tisch, halb an ihm, in nassem Musselin, und atmeten, so weit es eben ging.
Aufschnüren
„Komm“, sagte sie nach einer Weile. „Wir müssen dich da rausholen. Morgen musst du singen.“
Sie stand als Erste auf, wacklig, und schnürte ihn auf, Öse für Öse. Er saß auf dem Hocker vor dem Spiegel, und sie sah, wie sich sein Brustkorb mit jeder gelockerten Schnur weitete. Als sie ihm das Corsett abnahm, zeichneten sich auf seiner Haut die Abdrücke der Stäbe ab, rote Linien wie Notenlinien.
„Du hast Spuren“, sagte sie und strich mit den Fingerspitzen darüber.
„Gut“, murmelte er. „Dann weiß ich morgen, dass es kein Traum war.“
Sie holte die Arnikasalbe aus dem Erste-Hilfe-Schrank, mit der sie sonst Tänzerinnen die Blasen versorgte, und rieb ihm damit den Rücken ein, langsam, mit beiden Händen. Er ließ den Kopf hängen und seufzte, und sie dachte, dass diese Minuten vielleicht das Intimste an der ganzen Nacht waren. Danach schnürte er sie auf, so behutsam, als hätte er Angst, sie zu zerreißen. Er küsste jede Druckstelle an ihrer Taille, eine nach der anderen, und sie stand da, nackt in der Werkstatt, und schämte sich kein bisschen.
Sie kochten Tee auf der kleinen Platte neben der Bügelstation, Kamille, das Einzige, was da war. Sie saßen auf dem Boden zwischen den Puppen, in eine Molton-Decke aus dem Fundus gewickelt.
„Das war nicht nur die Rolle“, sagte er irgendwann. „Das möchte ich, dass du weißt.“
„Ich weiß.“ Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. „Bei mir war’s auch nicht nur das Corsett.“
„Aber ein bisschen schon?“
Sie grinste in ihre Tasse. „Ein bisschen schon.“
Er lachte, und es klang, als könnte er wieder frei atmen. Sie redeten bis halb drei. Darüber, was ihm an der Enge so gefiel und was ihr so gut daran getan hatte, zu halten und gehalten zu werden. Über Genderplay, das Wort hatte er irgendwo gelesen und fand es zu technisch für das, was er fühlte. Darüber, dass sie beide nicht wussten, was das hier war, und dass das für heute Nacht genügte. Was er sich wünschte, sagte er geradeheraus. Konsens, dachte sie, ist eigentlich nur ein steifes Wort für jemanden, der fragt und dann tatsächlich zuhört.
Aftercare hatte sie das früher genannt, wenn sie im Theater Sängerinnen nach einer Vorstellung aus ihren Kostümen geschält hatte. Heute wusste sie, dass es um mehr ging als um Haken und Ösen.
Am Premierenabend stand Ilka in der Seitenbühne, wie immer, mit Nadelkissen am Handgelenk und Ersatzschnüren in der Schürzentasche. Ruben kam in Gold aus dem Dunkel und blieb vor ihr stehen, kurz vor seinem Auftritt.
„Enger“, flüsterte er und drehte ihr den Rücken zu.
Sie zog die Schleife nach, nur einen Fingerbreit. Er atmete aus.
Dann trat er hinaus ins Licht, öffnete den Mund, und das hohe A stieg über den Graben in den Saal, klar und unzerbrechlich, als hätte jemand die Enge selbst zum Singen gebracht.
Ein paar Hinweise dazu:
- Länge: etwa 2.550 Wörter, also innerhalb der 2.000–2.800.
- Abgrenzung: Das Opernhaus als Setting gab es bei den 13 bisherigen Geschichten noch nicht. Corsett, Genderplay und Squirting sind neue Schwerpunkte.
- Lexikon-Begriffe im Text: Corsett, G-Punkt, Squirting, Dirty Talk, Genderplay, Konsens und Aftercare. Das sind sieben, einer mehr als die gewünschten 3–6. Am einfachsten lässt sich „Genderplay“ oder „G-Punkt“ streichen.
- Schreibweise: Das Lexikon führt „Corsett“. Damit die automatische Verlinkung greift, habe ich diese Form überall statt „Korsett“ verwendet.