Eine Sugardaddy-Beziehung ist typischerweise ein Arrangement: Eine meist ältere und finanziell stärkere Person bietet Geld, Geschenke oder Erlebnisse, die andere bringt Zeit, Nähe und manchmal auch Sex mit. Wie offen das ausgehandelt wird, ist sehr unterschiedlich. Manche legen alles klar fest, bei anderen bleibt vieles zwischen den Zeilen. Fair wird es am ehesten, wenn das Machtgefälle offen auf dem Tisch liegt, die Absprachen eindeutig sind und ihr den Ausstieg schon vorher gemeinsam geregelt habt. Dazu kommt ein Punkt für Deutschland: Fließt Geld erkennbar für sexuelle Handlungen, kann das Arrangement rechtlich als Prostitution gelten.

Champagner-Klischee trifft Kontoauszug

So sieht das Instagram-Bild aus: Rooftop-Bar, Cabrio, Einkaufstüten von Designerlabels. Ein nüchterneres Bild beschreibt der Soziologe Carsten Stark von der Hochschule Hof, der mit Studierenden Kontakte auf einschlägigen Plattformen befragt hat. Nach seinen Beobachtungen waren Studierende als Sugar Babes überrepräsentiert, und das monatliche „Taschengeld“ lag meist zwischen 500 und 1.000 Euro. Wie viele Personen befragt wurden und wie repräsentativ das ist, geht aus dem Interview nicht hervor. Als Marktpreis taugen die Zahlen also nicht. Als Gegenbild zum Maserati-Klischee aber schon.

Spannend ist auch der Blick über den Tellerrand. Eine Studie in den Archives of Sexual Behavior mit 69.924 Teilnehmenden aus 87 Ländern hat untersucht, wie Menschen zu solchen Beziehungen stehen. Auf persönlicher Ebene hingen die Einstellungen unter anderem mit der Offenheit für unverbindlichen Sex und mit traditionellen Geschlechterrollen zusammen. Auf Länderebene ging eine größere Ungleichheit zwischen den Geschlechtern mit mehr Akzeptanz für die Rolle der jüngeren Begleitung einher. Wichtig beim Lesen: Gemessen wurden Einstellungen, nicht, wer tatsächlich Sugar Dating betreibt. Und ein Zusammenhang auf Länderebene sagt nichts darüber, warum sich eine einzelne Person dafür entscheidet, und ist auch kein Beleg dafür, dass Ungleichheit die Ursache ist.

Was beide Seiten wirklich suchen

Die Daddys: Wer zahlt, will angeblich bloß Gesellschaft auf Abruf. Interviews mit Sugar Daddies aus Schweden zeichnen ein anderes Bild. Laut einer Studie im Journal of Sex Research wünschen sich viele Gegenseitigkeit, und zwar sexuell wie emotional. Sie wollen echtes Begehren statt einer Dienstleistung, obwohl Geld fließt. Genau darin liegt der eingebaute Widerspruch: Man bezahlt, möchte sich aber nicht wie ein Kunde fühlen. In der Szene heißt dieses Versprechen GFE, also Girlfriend Experience. Ein Gefühl, das sich verkaufen lässt, aber keins, das sich kaufen lässt.

Die Babys: Über diese Seite gibt es weniger belastbare Daten, als die Plattformen mit ihren Hochglanz-Versprechen suggerieren. Starks Beobachtung, dass viele Studierende dabei sind, passt zum naheliegenden Motiv: Geld für Miete und Studium. Ob dahinter Lust am Deal, finanzieller Druck oder beides steckt, lässt sich daraus nicht ablesen und ist von Person zu Person verschieden. Eine ehrliche Frage an dich selbst kann trotzdem helfen: Würdest du das auch machen, wenn du das Geld nicht dringend bräuchtest? Wer überlegt, Intimität zu Geld zu machen, findet verwandte Fragen übrigens auch beim Creator-Job auf OnlyFans.

Verantwortung: der Teil, über den kaum jemand redet

Wer mehr Geld mitbringt, hat in so einem Arrangement oft auch mehr Verhandlungsmacht. Das ist keine Anklage, aber es bringt Verantwortung mit sich: möglichst keine einseitige Abhängigkeit aufbauen (etwa als einzige Einkommensquelle oder zugleich als Vermieter), Geld nicht als Druckmittel einsetzen und akzeptieren, dass Konsens jederzeit zurückgenommen werden kann.

Unser Maßstab dabei: Ein Nein zu Sex oder zu einer Grenze sollte nicht mit Geldentzug bestraft werden. Das ist ein ethischer Grundsatz gegen finanziellen Druck, keine Zusage, dass Zahlungen in jedem Fall weiterlaufen. Was mit dem Geld passiert, wenn sich das Arrangement verändert oder endet, gehört deshalb von Anfang an in eure Absprachen.

Verantwortung gilt aber für beide Seiten. Wer Gefühle nur vorspielt, um den Deal zu verlängern, spielt ebenfalls mit jemandem. Und Diskretion ist Ehrensache: keine Fotos, Chatverläufe oder Namen ohne Einverständnis weitergeben. Das verletzt das Vertrauen und kann je nach Fall auch rechtliche Folgen haben. Wird jemand gezielt bloßgestellt, indem private Infos zusammengetragen und veröffentlicht werden, spricht man von Doxing. Strafbar nach § 126a StGB ist das Verbreiten personenbezogener Daten dann, wenn es geeignet und darauf angelegt ist, die Person etwa der Gefahr von Gewalt oder sexuellen Übergriffen auszusetzen.

Wann aus Sugar Dating Prostitution wird

Jetzt wird es trocken, aber wichtig. Das Prostituiertenschutzgesetz definiert eine sexuelle Dienstleistung als sexuelle Handlung an oder vor einer unmittelbar anwesenden Person „gegen Entgelt“. Fließt das Geld also erkennbar für Sex, kann dein Arrangement darunter fallen. Dann greift auch die Anmeldepflicht nach § 3: Wer als Prostituierte oder Prostituierter tätig sein will, muss das vorher persönlich bei der zuständigen Behörde anmelden.

Wo die Grenze zwischen einem Geschenk in einer Beziehung und einem Entgelt verläuft, hängt vom Einzelfall ab. Bist du unsicher, lass dich bei einer Fachberatungsstelle für Sexarbeit oder bei einer Anwältin oder einem Anwalt beraten. Das ist ehrlicher als jeder Blogpost und sicherer als „wird schon passen“. In Österreich und der Schweiz gelten eigene Regeln, informier dich also vor Ort.

Klare Absprachen statt Grauzonen

Romantik verträgt Spontaneität, ein Arrangement braucht einen Rahmen. Besprecht vor dem ersten richtigen Date:

  • Erwartungen: Wie viel Zeit? Exklusiv oder nicht? Ist Sex Teil des Deals oder ausdrücklich nicht? Sag das offen, nicht zwischen den Zeilen.
  • Geld: Wie viel, wann, in welcher Form? Nachverhandelt wird nicht im Bett.
  • Grenzen und Gesundheit: Was ist tabu? Gibt es Safer Sex und Tests? Bei Fragen zur sexuellen Gesundheit sind Gesundheitsamt oder Ärztin bzw. Arzt die richtige Adresse.
  • Diskretion: Wer erfährt davon, was bleibt privat, was passiert mit Fotos?
  • Ausstieg: Wie beendet ihr das Ganze, und was gilt danach, auch beim Geld? Vereinbart eine Art Safeword für das ganze Arrangement, das beide jederzeit ziehen dürfen.

Woran du merkst, dass es kippt

Passt nochKippt gerade
Geld ist vereinbart und kommt verlässlichGeld wird gekürzt, wenn du Nein sagst
Du hast dein eigenes Leben, Freund:innen, PläneDu wirst kontrolliert, isoliert, musst ständig erreichbar sein
Gefühle werden offen besprochenEine Seite hofft heimlich auf „mehr“ und fühlt sich ausgenutzt
Das Gegenüber ist real und nachprüfbarDas Profil wirkt zu perfekt, und plötzlich sollst du Geld schicken
Grenzen werden respektiertGrenzen werden „verhandelt“, bis du nachgibst

Die vorletzte Zeile ist ein Klassiker: Wo Geld versprochen wird, sind Betrüger nicht weit. Die Polizei rät bei Fake-Profilen zur Rückwärtsbildsuche, dazu, niemals Geld zu überweisen, Beweise zu sichern und Anzeige zu erstatten. Mehr zu falschen Identitäten findest du im Lexikon unter Catfishing.

Schon ein einziger Punkt aus der rechten Spalte kann Grund genug sein, mit einer Vertrauensperson oder einer Beratungsstelle zu sprechen. Rauszugehen ist kein Scheitern, sondern Selbstschutz. Wie du danach wieder Boden unter die Füße bekommst, liest du in unserem Ratgeber zum Neustart nach einer toxischen Beziehung. Gibt es Drohungen oder Gewalt, plane deinen Ausstieg möglichst sicher und mit Unterstützung, statt allein und überstürzt Schluss zu machen. Frauen erreichen das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ innerhalb Deutschlands rund um die Uhr kostenlos unter 116 016, auf Wunsch anonym. Auch Angehörige und Freund:innen können sich dort beraten lassen. In akuter Gefahr wählst du die 110.

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