Catcalling
Ungefragte, sexualisierte Zurufe und Kommentare an fremde Menschen im öffentlichen Raum – eine Form verbaler sexueller Belästigung ohne Einvernehmlichkeit.
Catcalling bezeichnet ungefragte, sexualisierte Zurufe, Pfiffe oder anzügliche Kommentare, die fremde Menschen im öffentlichen Raum über sich ergehen lassen müssen – auf der Straße, in der Bahn, vor dem Club. Gemeint sind Bemerkungen über Körper, Aussehen oder eine vermeintliche sexuelle Verfügbarkeit, die das Gegenüber weder erbeten noch erwidert hat. Auch wenn die Rufenden es gern als Kompliment verkaufen, ist Catcalling eine Form verbaler sexueller Belästigung. Der entscheidende Punkt: Es fehlt jede Form von Konsens. Betroffen sind überwiegend Frauen und queere Menschen, treffen kann es aber grundsätzlich jede:n.
Woher der Begriff kommt
Das englische „cat call” stand ursprünglich für das schrille Pfeifen und die Buhrufe, mit denen das Publikum in alten Theatern eine Vorstellung störte. Heute beschreibt der Begriff die Zurufe, die vor allem Frauen im Alltag begegnen – im Englischen oft als „street harassment”, also Belästigung im öffentlichen Raum, zusammengefasst. Die Bandbreite reicht vom anerkennenden Pfiff über zweideutige Sprüche („Na, Süße, lächel doch mal”) bis hin zu offen sexuellen oder bedrohlichen Kommentaren.
Wichtig ist die Abgrenzung: Catcalling ist kein missglückter Flirt, sondern ein einseitiger Übergriff. Beim Flirten begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe, lesen gegenseitig Signale, und jede:r darf jederzeit aussteigen. Beim Catcalling wird eine Person ungefragt zum Objekt gemacht, ohne echte Möglichkeit zu reagieren – meist im Vorbeigehen, oft aus einer Gruppe oder einem Auto heraus.
Warum es kein Kompliment ist
Der häufigste Mythos lautet: „War doch nett gemeint.” Ob etwas ein Kompliment oder eine Belästigung ist, entscheidet aber nicht die Absicht der sendenden, sondern die Wirkung auf die empfangende Person – und die ist bei Catcalling meist Unbehagen, Scham oder Angst. Ein echtes Kompliment lässt dem Gegenüber die Wahl; ein Catcall drängt sich auf.
Daran erkennst du den Unterschied:
- Kein Einverständnis: Die angesprochene Person hat vorher kein Interesse signalisiert.
- Keine Augenhöhe: Zuruf im Vorbeigehen, aus der Gruppe oder dem Auto – keine echte Begegnung.
- Fokus auf den Körper: Es geht um Aussehen oder Sex, nicht um die Person dahinter.
- Keine Ausweichmöglichkeit: Im öffentlichen Raum kann man oft nicht einfach gehen.
- Machtgefälle: Häufig viele gegen eine, laut gegen leise.
Das gilt genauso für unaufgeforderten Dirty Talk auf offener Straße oder fürs heimliche Abgreifen – beides hat mit einvernehmlicher Erotik nichts zu tun. Sexpositiv heißt: Lust ja, aber immer freiwillig und auf Gegenseitigkeit.
Rechtslage, Sicherheit und Missverständnisse
In Deutschland gibt es bislang keinen eigenen Straftatbestand für rein verbales Catcalling. Je nach Inhalt kann ein Spruch aber als Beleidigung (§ 185 StGB) strafbar sein, und sobald es zu körperlicher Berührung kommt, greift die sexuelle Belästigung nach § 184i StGB. Länder wie Frankreich, Belgien und die Niederlande ahnden Catcalling teils mit Bußgeldern; politische Initiativen fordern auch hierzulande klarere Regeln.
Wenn dich Catcalling trifft, gibt es kein „richtiges” Verhalten – deine Sicherheit geht immer vor. Du darfst ignorieren, kontern oder dir Hilfe holen; nichts davon ist falsch. Hol im Zweifel Menschen in der Nähe dazu, geh in ein Geschäft, oder dokumentiere Vorfälle (etwa über Initiativen, die Catcalling-Orte sammeln). Und falls du selbst unsicher bist, ob dein Spruch ankommt: Echtes Flirten und Anmachen lebt von Gegenseitigkeit, ein Catcall nicht. Im Zweifel gilt fürs Flirten dieselbe Regel wie für guten Sex – erst lesen, ob das Gegenüber wirklich mitspielt.