Abrosexuell
Sexuelle Orientierung, bei der sich das eigene Begehren im Lauf der Zeit verändert — mal hetero, mal bi, mal asexuell, mal ganz anders.
Abrosexuell bist du, wenn sich deine sexuelle Orientierung im Lauf der Zeit verändert — mal fühlst du dich zu Männern hingezogen, mal zu Frauen, mal zu allen Geschlechtern, mal zu niemandem. Der Begriff gehört zum queeren Spektrum und beschreibt eine fließende, nicht festgelegte Anziehung. Entscheidend ist dabei nicht, auf wen sich das Begehren richtet, sondern dass es sich überhaupt bewegt. Abrosexualität ist keine Phase, keine Unentschlossenheit und auch kein Fetisch, sondern eine eigenständige, ernstzunehmende Selbstbeschreibung.
Bedeutung und Herkunft
Der Wortteil „abro-” geht auf das altgriechische „habrós” zurück und bedeutet so viel wie „zart”, „anmutig” oder „beweglich” — ein passendes Bild für eine Sexualität, die sich nicht in eine feste Schublade pressen lässt. Geprägt wurde der Begriff in den 2010er-Jahren in queeren Online-Communities, vor allem auf Tumblr, wo viele der heute gebräuchlichen Identitätsbegriffe entstanden sind.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen sexueller und romantischer Ebene. Wer sich „abrosexuell” nennt, meint die Veränderlichkeit des körperlichen Begehrens. Verschiebt sich dagegen vor allem, in wen man sich verliebt, spricht man von „abroromantisch”. Beides kann zusammenfallen, muss es aber nicht — manche Menschen erleben nur eine der beiden Ebenen als fließend.
Wie es sich im Alltag anfühlt
Das Tempo der Veränderung ist von Mensch zu Mensch völlig verschieden. Bei manchen wechselt die Anziehung innerhalb von Stunden oder Tagen, bei anderen über Wochen, Monate oder Jahre. Einige erleben klar abgegrenzte „Phasen”, andere ein langsames, kaum merkliches Gleiten. Es gibt kein richtiges Tempo und kein Muster, das unbedingt dazugehören müsste.
Konkret kann das zum Beispiel so aussehen:
- In einem Monat fühlst du dich ausschließlich zu Frauen hingezogen, ein halbes Jahr später zu allen Geschlechtern.
- Du identifizierst dich zeitweise als asexuell, dann kehrt das körperliche Begehren wieder zurück.
- Eine bestehende Beziehung bleibt liebevoll und stabil, auch wenn sich dein sexuelles Empfinden gerade verschiebt.
Genau deshalb ist offene Kommunikation in Beziehungen so zentral. Eine:n abrosexuelle:n Partner:in zu lieben heißt nicht, mit ständiger Unsicherheit zu leben — es heißt, ehrlich darüber zu sprechen, was sich gerade stimmig anfühlt, und Konsens immer wieder neu auszuhandeln. Emotionale Nähe und bewusste Aftercare nach dem Sex helfen, die Verbindung unabhängig von der momentanen Orientierung zu halten.
Missverständnisse und Sicherheit
Das häufigste Missverständnis: Abrosexualität sei „nur Verwirrung” oder eine bequeme Ausrede für Untreue. Beides stimmt nicht. Eine sich verändernde Orientierung sagt nichts über Treue, Verbindlichkeit oder Beziehungsfähigkeit aus — monogame wie offene Beziehungen sind genauso möglich wie bei jeder anderen Orientierung.
Ebenso falsch ist die Einordnung als Fetisch oder als Spielart von BDSM. Abrosexuell zu sein ist eine Orientierung, keine Vorliebe für bestimmte Praktiken — völlig unabhängig davon, ob jemand auf Vanilla-Sex steht oder es gern experimenteller mag. Wer den Begriff für sich entdeckt, muss niemandem etwas „beweisen” und sollte sich nicht drängen lassen, das eigene Erleben festzunageln. Eine Identität, die sich wandelt, ist deshalb nicht weniger echt — die Fluidität selbst ist der bleibende Kern.