Austestung
Das bewusste, schrittweise Erkunden der eigenen sexuellen Vorlieben, Reaktionen und Grenzen — allein oder gemeinsam mit Partnern, getragen von offener Kommunikation und Konsens.
Austestung beschreibt den bewussten Prozess, bei dem du herausfindest, was dir sexuell gefällt, wie dein Körper reagiert und wo deine persönlichen Grenzen verlaufen. Gemeint ist das schrittweise Erkunden von Berührungen, Stellungen, Reizen und Spielarten — allein bei der Selbstbefriedigung oder gemeinsam mit einem oder mehreren Partnern. Austestung ist dabei kein einmaliger Akt, sondern eine fortlaufende Haltung der Neugier: Vorlieben verschieben sich mit der Zeit, Tagesform und Stimmung spielen hinein, und was gestern aufregend war, kann sich heute ganz anders anfühlen. Im Kern geht es darum, ehrlich in dich hineinzuspüren und das Entdeckte offen anzusprechen.
Bedeutung und Einordnung
Besonders häufig fällt der Begriff am Anfang einer neuen Beziehung, beim Wiedereinstieg nach einer sexuellen Pause oder beim Schritt von einer eher klassischen, an Vanilla orientierten Sexualität hin zu intensiveren Spielarten. Wer einen bestimmten Fetisch zum ersten Mal auslebt, testet zunächst vorsichtig aus, wie sich Fantasie und Realität zueinander verhalten — denn die Vorstellung im Kopf und das tatsächliche Erleben weichen oft voneinander ab.
Austestung meint dabei zwei Richtungen: das Ausloten nach innen (Was erregt mich? Was lehne ich ab?) und das Ausloten zu zweit (Was passt zwischen uns? Wo überschneiden sich unsere Wünsche?). Gerade im BDSM ist diese Phase fester Bestandteil, bevor intensivere Szenen gespielt werden — hier gehört das gemeinsame Abklopfen von harten und weichen Grenzen unbedingt dazu.
Worauf es in der Praxis ankommt
Gute Austestung lebt von kleinen Schritten und klarer Verständigung. Statt gleich das Extrem zu suchen, lohnt es sich, die Intensität langsam zu steigern und nach jedem Schritt nachzufühlen, ob es sich noch stimmig anfühlt. Hilfreiche Leitplanken:
- Vorher reden: Wünsche, Neugier und No-Gos benennen, bevor es losgeht — nicht erst mittendrin.
- Signale vereinbaren: Ein Safeword oder ein abgestuftes Stopp-System (grün/gelb/rot) macht jederzeit stoppbar, was zu viel wird.
- Dosiert vorgehen: Reize, Tempo und Dauer schrittweise erhöhen, etwa beim Edging oder bei neuen Berührungen.
- Nachbesprechen: Im Aftercare und im ruhigen Gespräch danach klären, was gut war und was beim nächsten Mal anders sein darf.
- Nichts erzwingen: Ein „heute nicht” ist ein vollständiger Satz und keine Absage an die ganze Idee.
Sicherheit, Konsens und Missverständnisse
Austestung funktioniert nur auf dem Boden von echtem Konsens. Jeder Schritt ist freiwillig und jederzeit widerrufbar — auch dann, wenn er vorher vereinbart war. Ein häufiges Missverständnis ist, Austestung sei eine Mutprobe: Wer „mehr” zulässt, sei automatisch offener oder besser im Bett. Das stimmt nicht. Grenzen zu kennen und zu wahren ist genauso wertvoll wie Neues zu entdecken; eine Grenze ist kein Versagen, sondern eine Information.
Ebenso falsch ist die Annahme, eine einmal getroffene Aussage gelte für immer. Lust ist situativ — was beim letzten Mal gepasst hat, darf beim nächsten Mal neu verhandelt werden. Wichtig ist außerdem, Austestung nie unter Druck, unter Alkoholeinfluss oder zur Bestätigung anderer zu betreiben. Sie gelingt am besten in einem Klima, in dem ein ehrliches Nein genauso selbstverständlich ist wie ein neugieriges Ja — und in dem Reden, Ausprobieren und Nachspüren zusammengehören.