„Sexuelle Energie“ ist kein messbares Fluidum, und dass Orgasmen Wünsche erfüllen, ist durch die hier angeführten Quellen nicht wissenschaftlich belegt. Untersuchen lässt sich etwas Bodenständigeres: wie du deinen Körper wahrnimmst. Ein kombiniertes Gruppenprogramm aus Achtsamkeit, kognitiver Therapie und Aufklärung hat Frauen mit belastenden Lust- und Erregungsproblemen in einer kontrollierten Studie geholfen. Das ist kein Freibrief für jedes Energie-Coaching. Wenn du neugierig bist, kannst du einiges selbst erkunden. Ob du das tust, entscheidest du allein.
Orgasmic Manifestation: Was Venus O’Hara verspricht
Venus O’Hara verbindet Lust mit Manifestation, also mit der Idee, dass du über den Orgasmus deine Ziele „anziehen“ kannst. Was über sie bekannt ist, stammt vor allem aus der Selbstdarstellung ihres Verlags. Laut Planeta de Libros ist sie gebürtige Britin, lebt in Barcelona und ist mit ihrem YouTube-Kanal und dem Podcast „The Orgasmic Lifestyle“ international bekannt. Heute biete sie Workshops und Coachings zu dem an, was sie „sexuelle Magie“ nennt. Ihr Buch „Manifestación orgásmica“ von 2024 handelt demnach von der „Kraft der sexuellen Energie“ und einer Praxis, die sie nach eigenen Angaben 2018 für sich entdeckt hat. Der Verlag führt den Titel übrigens in der Reihe „Enigmas y conspiraciones“, also Rätsel und Verschwörungen.
Die Reihe ist eine nette Randnotiz, aber kein Argument. Entscheidend ist: Wir haben keine Studie gefunden, die zeigt, dass Orgasmic Manifestation das bewirkt, was sie verspricht. Eine Wunschmaschine im Unterleib bleibt deshalb Glaubenssache. Das Ritual, die Zeit für dich und die bewusste Absicht können sich trotzdem gut anfühlen. Nur als Beweis für irgendeine Wirkung taugen sie nicht.
Was die Forschung tatsächlich untersucht hat
Wer Energie-Coachings mit Wissenschaft unterfüttern will, landet schnell bei der kanadischen Sexualforscherin Lori Brotto. Ein genauer Blick lohnt sich, denn ihre Studien belegen weniger, als manche Werbung behauptet.
In der Studie von Brotto und Basson in Behaviour Research and Therapy wurden 117 Frauen mit belastenden Lust- und Erregungsproblemen zugeteilt, zwei schieden vor Behandlungsbeginn aus. Die Teilnehmerinnen besuchten vier 90-minütige Gruppensitzungen mit Achtsamkeitsübungen, kognitiver Therapie und Aufklärung, entweder sofort oder nach drei Monaten Wartezeit. Die Studie war kontrolliert, aber nur teilweise randomisiert: Bei etwa der Hälfte der Zuteilungen war keine Zufallsverteilung möglich. Lust, Erregung, Feuchtigkeit, Zufriedenheit und die sexuelle Funktion insgesamt verbesserten sich. Belegt ist damit die Wirkung dieses Gesamtpakets für diese Gruppe. Ob Körperwahrnehmung allein den Unterschied macht, lässt sich daraus nicht ablesen.
Noch vorsichtiger musst du die Arbeit von Velten und Brotto in PLoS ONE lesen. Sie wertete die Daten von 52 Frauen vor der Behandlung aus, also nicht das Ergebnis eines Trainings. Gemessen wurde, wie gut körperliche und gefühlte Erregung zusammenpassen. Wer angab, Körpersignale stärker zu bemerken, zeigte sogar eine geringere Übereinstimmung. Nur ein Merkmal hing mit höherer Übereinstimmung und stärker gefühlter Erregung zusammen: unangenehme Körperempfindungen nicht zu ignorieren und sich nicht von ihnen abzulenken. Die Stichprobe war klein, und es geht um Zusammenhänge, nicht um Ursache und Wirkung. Ein Rezept nach dem Motto „Trainiere X, dann wird Y besser“ lässt sich daraus nicht ableiten.
Coaching-Check: Darauf achtest du vor dem Buchen
Bevor du Geld für ein Energie-Coaching ausgibst, stell dir diese Fragen:
- Gibt es Belege? Frag nach Studien zur versprochenen Wirkung. Ein Verweis auf „die Forschung zu Achtsamkeit“ reicht nicht, wenn dort etwas ganz anderes untersucht wurde.
- Wird geheilt? Vorsicht, wenn Krankheiten, Traumata oder Beziehungsprobleme über „Energiearbeit“ gelöst werden sollen.
- Gibt es nur einen Weg? Teure Pakete, die als einzige Lösung verkauft werden, sind ein Warnsignal.
- Wie wird über Grenzen gesprochen? Erklärt dir jemand, dein Nein sei bloß eine „Blockade“, hat das mit Selbstbestimmung nichts zu tun.
- Kannst du aussteigen? Seriöse Angebote akzeptieren, wenn du eine Übung auslässt, ohne dass du dich rechtfertigen musst.
Selbstbestimmung hängt übrigens nicht davon ab, dass du deinen Körper schon perfekt kennst. Sie gilt auch, wenn du unsicher bist oder gerade gar keine Lust hast. Du schuldest niemandem eine Übung, keine Erregung und keinen Fortschritt.
Selbst ausprobieren: Erkundungen ohne Heilsversprechen
Die folgenden Ideen sind freiwillige Vorschläge zum Ausprobieren, keine wissenschaftlich geprüften Lusttechniken. Nimm, was dich reizt, und lass den Rest liegen.
- Tempo rausnehmen. Werde bei der Selbstbefriedigung bewusst langsamer und achte darauf, wie du atmest. Merkst du dabei einen Unterschied? Wenn dich die Hintergründe interessieren, schau in den Lexikon-Eintrag zu Tantra.
- Mit dem Höhepunkt spielen. Beim Edging pausierst du kurz vor dem Orgasmus und lässt die Erregung wieder abflauen. Probier es aus Neugier, nicht als Leistungssport.
- Den Orgasmus weglassen. Wie sich Sex anfühlt, wenn der Höhepunkt nicht das Ziel ist, liest du im Ratgeber zu Karezza und langsamem Sex.
- Gedanken ziehen lassen. Taucht die Einkaufsliste oder die Bauchkritik auf, nimm sie kurz zur Kenntnis und kehr zur Berührung zurück.
- Wünsche aussprechen. Mit Partner:in heißt das: Sag, was du willst und was nicht. Ein vereinbartes Safeword gibt euch Sicherheit, wenn es intensiver wird.
Mehr Ideen für Solo- und Paarzeit findest du in der Kategorie Lust & Technik.
Gesundheit, Recht und Hilfe in Kürze
Die Weltgesundheitsorganisation versteht sexuelle Gesundheit als mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Dazu gehören lustvolle und sichere Erfahrungen ohne Zwang, Diskriminierung und Gewalt, und dafür müssen die sexuellen Rechte aller respektiert werden. Eine respektvolle, positive Haltung zu Sexualität passt zu diesem Verständnis sexueller Gesundheit. Bei anhaltender Lustlosigkeit oder Schmerzen beim Sex sind Gynäkolog:innen, Urolog:innen, Hausärzt:innen oder Sexualtherapeut:innen die richtige Adresse, nicht ein Energieritual.
Rechtlich ist sexuelle Selbstbestimmung in allen drei Ländern geschützt, aber unterschiedlich geregelt. In Deutschland ist nach § 177 StGB strafbar, wer „gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person“ sexuelle Handlungen vornimmt. Der österreichische § 205a StGB ist enger gefasst. Er betrifft den Beischlaf und gleichzusetzende geschlechtliche Handlungen gegen den Willen einer Person, unter Ausnützung einer Zwangslage oder nach vorangegangener Einschüchterung. In der Schweiz gilt laut Bundesamt für Justiz seit dem 1. Juli 2024 ein neues Sexualstrafrecht mit einer neuen Definition der Vergewaltigung.
Wenn deine Grenzen verletzt wurden, bekommst du Hilfe. In Deutschland berät das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 116 016 Frauen sowie Angehörige und Freund:innen. Männer erreichen das Hilfetelefon Gewalt an Männern unter 0800 1239900, gefördert von mehreren Bundesländern. In Österreich ist die Frauenhelpline unter 0800 222 555 rund um die Uhr für Frauen ab 18 und ihre Angehörigen da. In der Schweiz hilft die Opferhilfe Schweiz Betroffenen aller Geschlechter. Fragen zu Lust und Sexualität kannst du vertraulich in einer Beratungsstelle von pro familia klären.
Fazit: Deine Energie, deine Entscheidung
Für Orgasmic Manifestation fehlen Wirksamkeitsbelege. Belegt ist, dass ein kombiniertes Achtsamkeitsprogramm Frauen mit belastenden Lust- und Erregungsproblemen geholfen hat. Mehr geben die Daten nicht her, und jedes Coaching, das mehr verspricht, muss das erst beweisen. Was du ausprobierst, woran du glaubst und wann du aufhörst, liegt bei dir.
✦ Mit KI-Unterstützung erstellt & redaktionell geprüft.