Der Pakt
Ich kannte seine Stimme, bevor ich sein Gesicht kannte. Drei Nachrichten, eine Sprachnotiz, ein Plan, der so verrückt war, dass ich ihn deshalb mochte: Wagen 264, Abteil 11, der Nachtzug von München nach Triest. Eine einzige Regel, die wir beide unterschrieben hatten wie einen Vertrag aus Spucke und Mut — kein Name, bis wir das Meer sehen.
Keine Namen. Keine Berufe. Keine Vergangenheit, die sich zwischen uns auf das schmale Bett legen durfte. Nur zwei Körper, die sich für eine Nacht etwas vorspielten, das wahrer war als die meisten Wahrheiten, die ich tagsüber sagte.
Ich fand ihn am Fenster stehend, als ich die Tür aufzog. Dunkles Sakko, Hemd offen am Hals, die Ärmel umgeschlagen über Unterarme, die ich sofort an mir haben wollte. Er drehte sich nicht sofort um. Er ließ mich ankommen, ließ mich die Tür schließen, das Schloss drehen, den Riegel vorlegen — und erst als das metallische Klacken durch das winzige Abteil ging, sah er mich an.
„Du bist gekommen”, sagte er. Keine Frage.
„Ich komme immer”, sagte ich, „wenn das Angebot stimmt.” Ich legte meine Tasche ab. Mein Herz schlug bis in die Kehle. „Wie soll ich dich nennen?”
Er lächelte, und es war ein gutes Lächeln, eines mit einem Riss darin. „Gar nicht. Das war die Abmachung.” Er trat einen halben Schritt näher, nah genug, dass ich sein Rasierwasser roch, etwas Holziges, Warmes. „Bis Triest bist du niemand. Und ich auch. Verstehst du, wie selten das ist? Mit jemandem nackt zu sein, der dich nie googeln wird.”
Ich verstand es besser, als er ahnte. Genau deshalb saß ich nicht zu Hause.
Regeln für eine Nacht
Bevor wir irgendetwas taten, setzten wir uns. Das war mir wichtig, und ihm, wie sich zeigte, auch. Das Abteil war so eng, dass unsere Knie sich berührten, als wir uns gegenübersaßen auf der heruntergeklappten Bank, der Zug noch im Bahnhof, das Lautsprechergeräusch gedämpft durch die Scheibe.
„Erst das Langweilige”, sagte er. „Das, was es heiß macht.”
Ich mochte, dass er es so nannte. Denn er hatte recht. Es gibt nichts Unsexyeres als jemanden, der Konsens für ein Hindernis hält — und nichts Erregenderes als einen Mann, der genau weiß, dass die Erlaubnis das eigentliche Geschenk ist, das man auspackt.
„Sag mir, was nicht passieren darf”, sagte er.
Ich sagte es ihm. Eine kurze Liste, ehrlich, ohne Scham. Er nickte, ohne mit der Wimper zu zucken, und gab mir seine. Dann lehnte er sich zurück.
„Wir brauchen ein Wort”, sagte ich. „Ein Safeword. Wenn ich es sage, ist Schluss, sofort, ohne Diskussion, egal wie weit wir sind.”
„Such eins aus.”
„Adria”, sagte ich, und wir lachten beide, weil es das Ziel war, das Ende der Reise, das Wort, das ohnehin alles beendete. „Adria heißt Stopp. Alles andere heißt: weiter.”
„Und wenn du nur eine Pause willst, kein Stopp?”
„Dann sage ich langsamer.” Ich sah ihn an. „Und du?”
„Ich vertraue dir”, sagte er einfach. „Aber wenn ich die Hand hebe, so” — er zeigte es, die flache Hand kurz angehoben — „dann warte ich auf dein Okay, bevor ich weitermache.”
Der Zug ruckte an. Lichter begannen draußen zu wandern, erst langsam, dann schneller, gelbe Striche über sein Gesicht. Ich spürte, wie etwas in mir sich entspannte und gleichzeitig anspannte — dieser herrliche Widerspruch, den nur klare Regeln möglich machen. Erst wenn ich genau weiß, wo die Wände sind, kann ich gegen sie laufen, so fest ich will.
„Eine letzte Sache”, sagte er, und seine Stimme sank eine Stufe tiefer. „Du hast in deiner Nachricht etwas geschrieben. Über das Gesehenwerden.”
Mir wurde heiß im Nacken. „Ja.”
„Erzähl es mir. Genau.”
Kilometer im Dunkeln
Ich erzählte es ihm. Dass ich es liebte, beobachtet zu werden — nicht von irgendwem, sondern in diesem kontrollierten, geschlossenen Raum, wo das Gesehenwerden ein Geschenk war und keine Gefahr. Dass die Vorstellung, jemand könnte ahnen, was hinter einer Tür passiert, mich auf eine Weise anzog, die ich mir lange nicht eingestanden hatte.
Er hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Und als ich fertig war, stand er auf, und mit ihm der ganze schmale Raum.
„Dann komm her”, sagte er.
Ich stand auf. Er zog mich nicht an sich — er ließ mich die letzten Zentimeter selbst gehen, und das machte mich verrückter als jeder Griff. Erst als ich vor ihm stand, legte er eine Hand an meinen Kiefer, den Daumen an meine Unterlippe, und küsste mich. Langsam. Quälend langsam, so, dass ich mich in den Kuss hineinlehnen musste, um mehr zu bekommen, und genau dann zog er sich einen Millimeter zurück.
„Geduld”, murmelte er gegen meinen Mund. „Wir haben die ganze Nacht. Wir haben Hunderte von Kilometern.”
Seine Finger fanden den ersten Knopf meiner Bluse und öffneten ihn, ohne Eile, während er mich weiterküsste, und mit jedem geöffneten Knopf legte er die Lippen an die neue Stelle Haut — Schlüsselbein, die Wölbung der Brust, der Bauch. Als die Bluse fiel, drehte er mich mit sanftem Druck herum, sodass mein Rücken an seine Brust kam und mein Gesicht zum Fenster.
„Sieh hin”, sagte er an meinem Ohr.
Im dunklen Glas sah ich uns. Mich, halb entkleidet, das Haar gelöst, die Lippen offen. Ihn hinter mir, größer, die Augen auf meinem Spiegelbild. Hinter unseren Umrissen rasten die Lichter einer vorbeiziehenden Stadt, und für einen Moment war das Fenster eine Bühne und wir die einzige Vorstellung.
„Das ist dein Publikum”, sagte er leise, eine Hand auf meinem Bauch, die andere wandernd. „Nur du und ich. Und trotzdem siehst du dich, oder? Du siehst genau, wie schön du bist, wenn du dich gehen lässt.”
Seine Hand glitt tiefer, über den Stoff meiner Hose, dann darunter, und ich keuchte, als er mich fand, schon längst bereit. Er berührte mich, fanden den Rhythmus, der mir den Atem nahm — und dann hielt er inne, genau in dem Moment, in dem ich die ersten Wellen kommen fühlte.
„Nein”, sagte er ruhig. „Noch nicht.”
Edging. Er ließ mich an die Kante kommen und zog mich zurück, wieder und wieder, bis ich seinen Namen hätte rufen wollen, wenn ich ihn nur gekannt hätte. Der Entzug machte mich wahnsinnig. Ich drückte mich gegen seine Hand, und er lachte leise, ein dunkles, zufriedenes Geräusch.
„Bitte”, sagte ich.
„Bitte was?” Sein Mund an meinem Hals. „Sag es. Ich will hören, wie du es sagst. Ungeschönt.”
Und ich sagte es — alles, was ich wollte, in Worten, die ich tagsüber nie benutze, derb und ehrlich, und je dreckiger ich wurde, desto fester wurde sein Griff. Der Dirty Talk löste etwas in uns beiden, das die Höflichkeit den ganzen Abend zurückgehalten hatte. Hier, ohne Namen, ohne Morgen, gab es keinen Grund mehr, leise zu sein.