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Abenteuer

Kein Name bis Triest

Ein verpasster Anschluss, ein doppelt vergebenes Abteil, eine einzige Nacht im Schlafwagen – und eine Regel, die alles verändert: kein Name, keine Vergangenheit, nur diese Stunden zwischen zwei Bahnhöfen.

Beleuchteter Nachtzug-Schlafwagen, der bei Regen einen Bahnsteig verlässt

Abfahrt um 23:14

Der Regen kam fast waagerecht über den Bahnsteig, als Nora den letzten Waggon erreichte und der Schaffner die Pfeife schon zwischen den Lippen hatte. Sie warf den Koffer über die Stufe, sprang hinterher, und der Nachtzug nach Triest setzte sich in Bewegung, noch bevor sie überhaupt wusste, ob sie im richtigen Wagen stand. Atemlos lehnte sie sich an die kühle Wand, die nassen Haare an den Schläfen, und lachte über sich selbst – über diese Spontanität, die sie sich seit der Trennung verordnet hatte wie eine Medizin, die endlich anzuschlagen begann.

Abteil 27 war nicht leer. Auf der unteren Liege saß ein Mann, Anfang vierzig vielleicht, ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, das er offensichtlich nicht las. „Ich glaube”, sagte er und sah von ihr zur Fahrkarte in ihrer Hand, „die Bahn hat uns verkuppelt.” Er hielt seine eigene Karte hoch. Dieselbe Wagennummer, dasselbe Abteil. Im Chaos des verlängerten Wochenendes doppelt vergeben.

„Ich kann den Schaffner suchen”, bot er an und legte das Buch beiseite. „Es ist sicher noch etwas frei.”

„Bei dem Wetter?” Nora schob den Koffer unter den Sitz und setzte sich ihm gegenüber, knapp eine Armlänge entfernt. Draußen zogen die letzten Lichter der Stadt vorbei und verschwammen zu langen goldenen Strichen. „Lassen Sie nur. Ich beiße nicht.”

„Schade”, sagte er, und es klang nicht plump, sondern wie ein Türspalt, durch den ein wenig Wärme fiel.

Die Regel

Sie redeten, weil man im Dunkeln eines fahrenden Zuges leichter redet als bei Tageslicht. Über Städte, in denen sie nie angekommen waren, über Bücher, die sie zu Ende geliebt oder mittendrin verlassen hatten. Er goss aus einer kleinen Flasche zwei Becher Rotwein ein, und der Zug nahm eine Kurve, sodass ihre Knie sich für einen Moment berührten und keiner von beiden auswich.

„Darf ich etwas Verrücktes vorschlagen?”, fragte sie irgendwann, als die Lichter draußen seltener wurden und nur noch das Rattern der Schienen die Stille füllte. Ihr Herz schlug schneller, als sie es zugeben wollte. „Ich will nicht wissen, wie du heißt. Nicht, was du beruflich machst, nicht, wen du zu Hause hast oder nicht hast. Nichts davon.” Sie sah ihn an. „Nur diese Nacht. Bis Triest. Und morgen früh steigen wir aus und kennen uns nicht.”

Er hielt ihrem Blick stand, und etwas in seinen Augen wurde aufmerksam, hellwach. „Ein Spiel.”

„Eine Regel”, korrigierte sie. „Spiele haben Gewinner. Hier gewinnt niemand. Hier gibt es nur heute Nacht.”

Er stellte den Becher ab. „Dann brauchen wir auch eine zweite Regel”, sagte er ruhig, und sie mochte, dass er nicht einfach Ja schluckte. „Alles, was passiert, passiert nur, solange wir beide es wollen. Du sagst ein Wort, und der Zug ist wieder nur ein Zug. Konsens, oder es ist gar nichts.”

Sie nickte, und die Erleichterung darüber, dass er das von selbst aussprach, machte sie mutiger. „Dann sag mir”, flüsterte sie, „was magst du, das du sonst niemandem sagst?”

Er lächelte schief. „Ich sehe gern zu. Ich meine wirklich zusehen – wie jemand die Augen schließt, den Kopf in den Nacken legt, vergisst, dass er beobachtet wird.” Er zuckte mit den Schultern, als legte er einen kleinen, lange gehüteten Fetisch auf den Tisch zwischen ihnen. „Kein besonders dramatisches Geständnis. Aber ehrlich.”

Nora spürte, wie ihr die Hitze in den Hals stieg. „Heute keine Geständnisse, die nett klingen sollen”, sagte sie. „Und auch kein Vanilla-Abend, bei dem wir höflich tun. Wenn schon Fremde – dann richtig.”

Zwischen den Bahnhöfen

Sie löschte das Deckenlicht, sodass nur noch das blaue Nachtlämpchen über der Tür glomm und alle paar Minuten ein vorbeirasender Lichtmast einen kurzen, hellen Streifen durchs Abteil warf. Der Zug schaukelte sie in seinem eigenen, gleichmäßigen Takt, und dieser Takt nahm ihr die letzte Verlegenheit ab.

„Setz dich”, sagte sie und deutete auf die untere Liege. „Du wolltest zusehen. Also sieh zu.”

Er rührte sich nicht, blieb genau dort, wo er sein sollte, und das war beinahe das Erregendste daran – diese geduldige, bewusste Distanz. Nora streifte den feuchten Mantel von den Schultern, langsamer, als sie es allein getan hätte, und merkte, wie sein Blick jeder Bewegung folgte. Es war ein seltsames Geschenk, so gesehen zu werden, ohne berührt zu werden; es legte etwas frei in ihr, das schon lange unter Höflichkeit und Alltag begraben lag.

„Komm näher”, sagte sie schließlich, weil das Spiel sich gedreht hatte, weil sie es jetzt wollte.

Er stand auf, und im engen Abteil gab es keinen Weg, ihm nicht nah zu sein. Seine Hand legte sich an ihre Wange, der Daumen strich über ihr Wangenknochen, und sie lehnte sich in die Berührung wie in warmes Wasser. Als er sie küsste, war nichts Eiliges daran – kein Quickie zwischen zwei Stationen, sondern ein Erkunden, ein Fragen und Antworten ohne Worte. Der Zug nahm eine Weiche, und sie taumelten zusammen gegen die Liege, lachten leise in den Kuss hinein, und das Lachen machte alles leichter und gleichzeitig dringlicher.

„Sag es mir”, flüsterte er an ihrem Ohr, die Stimme rau, ein leiser, dunkler Dirty Talk, der ihr über die Haut lief wie der Hauch aus dem Spalt des heruntergelassenen Fensters. „Sag mir, was du willst. Diese Nacht gehört keinem von uns morgen mehr.”

Und sie sagte es ihm, leiser als das Rattern der Schienen, ein paar Worte nur, und spürte, wie er lächelte, ohne dass sie sein Gesicht sehen musste.

Der Takt der Schienen

Was dann geschah, geschah im Rhythmus der Strecke, im Wechsel von Dunkel und plötzlichem, weißem Lichtblitz, der ihre verschränkten Hände auf dem schmalen Bett für den Bruchteil einer Sekunde aus der Nacht hob und wieder verschwinden ließ. Seine Finger lasen sie wie die Seiten eines Buches, das er endlich aufschlug, und sie ließ ihn lesen, ließ den Kopf in den Nacken fallen, schloss die Augen – genau so, wie er es sich gewünscht hatte – und vergaß dabei vollkommen, dass jemand zusah, und gerade weil er zusah, war jede Berührung doppelt da.

Sie behielten den Takt des Zuges bei, weil es keinen schöneren gab; jede Kurve, jede sanfte Bremsung wurde Teil davon. Einmal, an einem dunklen Bahnhof, in dem der Zug für endlose Minuten stand, hielten auch sie inne, bis nur noch ihr beider Atem im Abteil zu hören war, und das Warten, das absichtliche Hinauszögern, machte den Moment, als der Zug wieder anfuhr, fast unerträglich kostbar. Als die Welle sie schließlich erfasste, presste sie ihr Gesicht an seine Schulter, um nicht zu laut zu sein, und er hielt sie, hielt sie einfach nur, bis das Zittern verebbte und der Zug sie weitertrug, irgendwohin nach Süden, durch eine Nacht, die niemandem gehörte als ihnen.

Triest, 6:42

Das graue Licht kam von links über die Karstberge herein und füllte das Abteil mit dem nüchternen Blau des frühen Morgens. Sie lagen ineinander verkeilt auf der schmalen Liege, sein Arm unter ihrem Nacken eingeschlafen, und keiner sprach, weil Sprechen die Regel hätte verletzen können. Stattdessen zog er die Decke höher über ihre Schulter, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, drückte einen Kuss auf ihre Schläfe – diese ganze stille, nachträgliche Zärtlichkeit, dieses behutsame Aftercare, das ihr mehr bedeutete als alles davor. Es war seine Art zu sagen: Das war echt, auch wenn wir tun, als wäre es nichts.

Der Zug rollte in den Bahnhof von Triest, und durch die beschlagene Scheibe schimmerte schon das Meer, silbrig und weit. Nora setzte sich auf, ordnete ihre Kleidung, fühlte sich seltsam unbeschwert, leicht wie seit Jahren nicht. Er reichte ihr den Koffer von der Ablage, und für einen Augenblick standen sie sich gegenüber wie zwei Fremde, die sie ja morgens auch wieder sein sollten.

„Danke”, sagte sie nur. Kein Name, keine Nummer, kein Versprechen.

„Danke”, sagte er und öffnete ihr die Tür.

Auf dem Bahnsteig roch es nach Salz und Espresso und nach dem ersten warmen Tag. Sie ging in die eine Richtung, er in die andere, und Nora drehte sich genau einmal um – und sah, dass er es im selben Moment auch tat. Sie hoben beide die Hand, ein kleiner Gruß über die Köpfe der Reisenden hinweg, und dann tauchte sie in den Strom der Menschen und ließ ihn ziehen, so wie man die Nacht ziehen lässt, wenn der Morgen kommt. Manche Geschichten sind gerade deshalb vollkommen, weil sie an einem Bahnhof beginnen und am nächsten enden – und keinen Namen brauchen, um wahr gewesen zu sein.