Die letzte Kontrolle
Um kurz nach Mitternacht roch das Palmenhaus nach Regen, der nie fiel. Mara mochte diese Stunde am liebsten, wenn die letzten Besucher längst durch die Drehkreuze geschoben worden waren und nur noch das Ticken der Tropfbewässerung den Takt vorgab. Sie ging mit dem Klemmbrett durch den Mittelgang, las Thermometer ab, notierte Zahlen, die am Morgen niemand kontrollieren würde. Dreiundzwanzig Grad. Achtundsiebzig Prozent. Nach drei Minuten klebte ihr das Hemd am Rücken, und sie hatte vor Jahren aufgehört, sich darüber zu ärgern. Das Glas über ihr war schwarz und voller Tropfen, die das Licht der Notbeleuchtung zu winzigen Sternen brachen.
„Du liest die Orchideen falsch ab.” Jonas’ Stimme kam aus dem Halbdunkel hinter dem Farnbecken, ruhig, eine Spur belustigt. Er lehnte am Geländer der schmalen Galerie, die Hemdsärmel über die Unterarme geschoben, und sah ihr zu — so, wie er ihr seit Wochen zusah. Einen Atemzug zu lang, um es noch kollegial zu nennen.
„Ich lese gar nichts falsch ab”, sagte sie und blickte nicht hoch. „Ich lese sie anders.”
„Du legst die Hand an die Wurzel, bevor du das Schild liest.”
Sie hielt inne. Er hatte recht. Sie tat das, ohne darüber nachzudenken — sie fühlte die Feuchte am Substrat, bevor sie der Zahl glaubte. Dass er es bemerkt hatte, dass er ihr lange genug zugesehen hatte, um so etwas zu bemerken, schickte ihr eine Wärme den Nacken hinauf, die nichts mit dreiundzwanzig Grad zu tun hatte.
„Komm runter”, sagte sie schließlich, „wenn du schon Aufsicht spielst.”
Die Wendeltreppe knarrte unter ihm. Dann stand er neben ihr, näher, als der Gang es verlangte, und sie roch das Pfefferminz aus seiner Thermoskanne und darunter etwas Wärmeres, Eigenes. Sie blieb, wo sie war. Das war, merkte sie, bereits eine Antwort.
Dreiundzwanzig Grad
„Zeig mir, wie du es liest”, sagte er.
Es war ein Vorwand, und das wussten sie beide. Trotzdem nahm sie seine Hand — kühler als ihre, noch trocken — und legte sie an den Wulst aus Rinde und Moos, in dem die Wurzeln der Orchidee lagen. „Hier. Nicht drücken. Nur spüren, ob es atmet.”
Seine Finger blieben unter ihren. Er atmete einmal langsam aus, und sie merkte, wie ihr eigener Atem dem nachgab, sich verlangsamte, bis sie im selben Takt standen wie das Tropfen über ihnen.
„Es atmet”, sagte er leise.
„Die Pflanze.”
„Auch die Pflanze.”
Sie hätte jetzt lachen können, um die Sache klein zu machen, sie zurückzuschieben in den sicheren Bereich zwischen Kollegen. Stattdessen drehte sie die Hand, bis ihre Handfläche an seiner lag, Linie an Linie, Wärme an Wärme — und das war alles, nur Hand an Hand, und es war mehr als fast alles, was sie in diesem Jahr berührt hatte. Sie spürte den Puls in seinem Daumen, schnell, verräterisch, und das gefiel ihr besser als jedes Wort, das er hätte sagen können.
„Mara.” Er sagte ihren Namen, als wäre er eine Frage. „Sag mir, ob ich falsch liege.”
„Du liegst nicht falsch.” Sie sah ihn an, zum ersten Mal an diesem Abend richtig, und das Halbdunkel machte seine Augen weicher, als sie tagsüber waren. „Aber sag es trotzdem laut. Ich will es laut.”
Er verstand, dass das keine Spielerei war. „Ich würde dich gern küssen”, sagte er. „Hier. Jetzt. Und dann würde ich gern langsam machen. So langsam, dass es fast wehtut.”
Sie hatte den Konsens noch nie so gern gehört wie aus seinem Mund. „Ja”, sagte sie. „Langsam. Kein Quickie hinter den Farnen, Jonas. Wenn schon, dann richtig.”
Atem im Gleichtakt
Der erste Kuss schmeckte nach dem Regen, der nie fiel — nach Erde und warmem Glas und ein wenig nach Pfefferminz. Er nahm sich Zeit, so viel Zeit, dass sie zwischendurch die Augen öffnete, um zu prüfen, ob er es ernst meinte. Er meinte es ernst. Seine Hand lag flach an ihrem Rücken, dort, wo das Hemd klebte, und wanderte keinen Zentimeter weiter, als sie ihm zugestand.
Sie hatte einmal einen Tantra-Kurs besucht, halb aus Neugier, halb aus Trotz, und das meiste davon belächelt. Das hier war das Einzige, was hängen geblieben war: dass man eine Berührung so lange halten konnte, bis sie aufhörte, ein Anfang zu sein, und selbst zum Ziel wurde. Jonas schien das ohne Kurs zu wissen. Er legte seine Stirn an ihre, atmete, wartete, bis sie nachatmete, und erst dann öffnete er den obersten Knopf — und blieb wieder stehen, als wäre auch das ein Satz, der eine Antwort verdiente.
Zwischen den großen Blättern war es noch wärmer, eine eigene kleine Zone, in der die Luft an der Haut stehen blieb. Er schob das Hemd von ihrer Schulter und küsste den Bogen zwischen Hals und Schulter, und sie spürte, wie ihr Puls dort gegen seine Lippen schlug. Nichts daran war eilig. Jede Bewegung kündigte die nächste an, gab ihr Raum, ja zu sagen oder den Kopf zu drehen — und gerade weil sie jederzeit hätte aufhören können, wollte sie es mit jedem Atemzug weniger.
„Noch langsamer geht nicht”, flüsterte sie irgendwann, halb Beschwerde, halb Bitte.
„Doch”, sagte er dicht an ihrem Ohr. „Sehr viel langsamer.”
Und er bewies es ihr. Er ließ die Spannung steigen und hielt sie dort, an der Grenze, wo Geduld in etwas Schärferes kippt. Er ließ sie warten, kehrte zurück, hielt wieder inne, bis ihr ganzer Körper auf einen einzigen Punkt zusammenlief — auf seine Hand, auf seinen Atem, auf ein Versprechen, das er nicht aussprach, sondern immer wieder nur eine Spur länger hinauszögerte. Sie grub die Finger in sein Hemd, presste die Stirn an seinen Hals, und einmal sagte sie seinen Namen so leise, dass es eher ein Ausatmen war als ein Wort. Als es sie schließlich erfasste, war es kein lautes Beben, sondern eine lange, tiefe Welle, die sie gegen ihn drückte, während über ihnen ein Tropfen vom Glas fiel und irgendwo ins Dunkelgrün klatschte.
Was die Pflanzen sahen
Sie standen noch lange so, bevor einer von ihnen ein Wort fand. Er hielt sie, eine Hand im Nacken, die andere flach zwischen ihren Schulterblättern, und sagte nichts Kluges, nichts Cooles, nichts, das den Moment kleiner gemacht hätte. Das würde sie später am meisten an ihn erinnern: dass er das Danach genauso ernst nahm wie das Davor.
„Brauchst du irgendwas?”, fragte er. „Wasser? Sitzen?”
Sie schüttelte den Kopf, dann nickte sie. „Beides. Gleich.” Sie lächelte gegen seinen Hals. „Du bist gut in Aftercare für jemanden, der angeblich nur die Aufsicht gespielt hat.”
„Ich bin gut in Aufmerksamkeit”, sagte er. „Den Rest hast du mir vorhin beigebracht. Mit der Hand an der Wurzel.”
Sie setzten sich auf die schmale Holzbank am Beckenrand, sein Hemd über ihre Schultern gelegt, und teilten den lauwarmen Pfefferminztee aus seiner Thermoskanne. Was zwischen ihnen geschehen war, war nicht das, was man brav nannte, nicht ganz Vanilla, und doch ohne jede Härte — etwas dazwischen, das keinen Namen brauchte und keinen bekam. Mara mochte das. Sie hatte genug von Dingen, die sofort einen Namen wollten.
„Die Zahlen”, sagte sie nach einer Weile und sah auf das Klemmbrett, das irgendwann zu Boden gegangen war. „Ich muss die Runde nochmal machen. Die hab ich vergessen aufzuschreiben.”
„Kein Wunder.” Er stand auf und reichte ihr die Hand — dieselbe Geste wie vorhin, nur dass diesmal nichts mehr Vorwand war. „Diesmal liest du, ich halte das Brett.”
Über ihnen war das Glas noch immer schwarz und voller Tropfen, und das Palmenhaus roch weiter nach einem Regen, der nie fiel. Aber die Luft hatte sich verändert, fand Mara, oder vielleicht nur sie selbst darin. Dreiundzwanzig Grad. Achtundsiebzig Prozent. Und irgendwo zwischen den Farnen ein zweiter Atem, der von jetzt an zu ihrer Runde gehörte.